Wissenschaft

Der Ramadan ist vorbei, wie sieht es nun mit dem Fasten aus?

Ein Interview mit Dr. Mark Mattson, Professor für Neurowissenschaften an der Johns Hopkins Universität.

Prof. Dr. Amtul Razzaq Carmichael, Großbritannien

In einer historischen Ansprache motivierte Hadhrat Musleh Mau’udRA, das zweite Oberhaupt der weltweiten Ahmadiyya Muslim Jamaat, die Muslime, das ganze Jahr über auch außerhalb des Fastenmonats Ramadan zeitweise zu fasten. Diese Ansprache inspirierte mich dazu, das wissenschaftliche Konzept des Intervallfastens zu untersuchen. Ich wollte verstehen, ob die empfohlene islamische Praxis des Intervallfastens über das ganze Jahr hinweg im Einklang mit dem Stand der Wissenschaft im Hinblick auf gesundheitliche Vorteile steht oder im Widerspruch zu ihnen. Das wissenschaftliche Konzept des Intervallfastens wird allgemein als eine Ernährungsweise definiert, bei der die Nahrungsaufnahme durch eine lange Periode des Verzichts auf kalorienreiche Lebensmittel unterbrochen wird. Dies unterscheidet sich vom islamischen Konzept des Fastens, bei dem während der Fastenzeit kein Essen oder Trinken erlaubt ist, wobei vor Beginn des Fastens, das vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung andauert, die Nahrungsmittelaufnahme empfohlen wird.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, dieses Thema mit Dr. Mark Mattson, Professor für Neurowissenschaften an der Johns Hopkins Universität, zu erörtern. Professor Mattson hat 25 Jahre lang die gesundheitlichen Auswirkungen des Intervallfastens untersucht. 

Unter dem Oberbegriff »Intervallfasten« können verschiedene Formen der regulierten Nahrungsaufnahme verstanden werden. Ich habe Professor Mattson gefragt, ob wir angesichts der Unterschiede zwischen der islamischen Praxis des Fastens und der wissenschaftlich untersuchten Praxis des Intervallfastens die aus dem Intervallfasten gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die islamische Praxis des Fastens anwenden können.

Professor Mattson sagte, die wissenschaftlichen Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass eine Fastendauer über mindestens 12 bis 16 Stunden erforderlich ist, um einen gesundheitlichen Nutzen zu erzielen. Im Idealfall sollte dies das ganze Jahr über täglich erfolgen. Je nachdem, wo auf der Erde ein Muslim lebt, kann er im Monat Ramadan 12 oder mehr Stunden fasten. Die hohe Frequenz der Fastenperioden in den Wochen und Monaten eines Jahres ist auch deshalb wichtig, weil sich die gesundheitlichen Vorteile erst mit der Zeit bemerkbar machen. Das ist vergleichbar mit körperlicher Betätigung, von der eine Person erst profitiert, solange sie regelmäßig Sport treibt. Wenn sie jedoch aufhört, Sport zu treiben, wird ihre Fitness entsprechend etwas abnehmen.

Ich bin dieser Überlegung weiter nachgegangen, indem ich nach den gesundheitlichen Vorteilen des Intervallfastens gefragt habe, die über die Gewichtskontrolle hinausgehen.

Die Vorteile des Intervallfastens reichen weit über die reine Gewichtsabnahme hinaus. Es gibt Beweise dafür, dass durch Intervallfasten Entzündungen im gesamten Körper verringert werden können. Intervallfasten verbessert die Herzkreislauffunktion und mindert die Risikofaktoren für dieselbe, wie z.B. die Triglyceride und das LDL im Blut.[1]

Professor Mattson hat es vor etwa 20 Jahren selbst angewandt und glaubt, »Intervallfasten könne Teil einer gesunden Lebensweise sein«. Er erklärte, dass das Intervallfasten die Insulinempfindlichkeit verbessert und vor Diabetes schützt. In veröffentlichten Studien mit Probanden wurde gezeigt, dass durch das Intervallfasten einige Patienten keinen Diabetes mehr aufwiesen. Aus diesem Grund würden übergewichtige Personen eher von den Ernährungsgewohnheiten des Intervallfastens profitieren.

Eine der heutigen Krankheiten, das so genannte Metabolische Syndrom, ist eine Kombination aus Insulinresistenz, Bluthochdruck und abdomineller Adipositas. Unser Körper benötigt Insulin zur Verstoffwechselung von Glukose. Bei Insulinresistenz bleibt trotz eines hohen Insulinspiegels der Glukosespiegel im Blut hoch. Dies ist ein wesentlicher Risikofaktor für Herzerkrankungen. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass das Intervallfasten viele der Hauptmerkmale des Metabolischen Syndroms verbessern kann, indem es den Nüchtern-Glukosespiegel, das Nüchtern-Insulin und die Insulinresistenz senkt.[2]

Angesichts der Vorteile des Ernährungsverhaltens beim Intervallfasten fragte ich Professor Mattson mit seiner Erfahrung, wie viele Tage pro Monat wir das Intervallfasten praktizieren sollten, um ein Optimum gesundheitlicher Vorteile zu erzielen.

Professor Mattson erklärte, dass Intervallfasten ein Ernährungsmuster und keine Diät sei. Die Menschen mussten durch verschiedene Phasen des evolutionären Fortschritts, insbesondere vor der Agrarrevolution, längere Hungerperioden durchleben. Als Antwort auf seine Frage, ob ich an die Evolution glaube, erwähnte ich hier kurz das islamische Konzept der Evolution, an welches wir glauben (Evolution innerhalb der Arten) und das für die menschliche Entwicklung und den Fortschritt notwendig ist.

Professor Mattson fuhr fort, indem er erklärte, dass frühere Menschen eine größere Überlebenschance hatten, wenn sie in einem Zustand des Nahrungsmangels gut funktionieren konnten. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine 16-stündige, besser noch 18-stündige Phase des Nahrungsentzuges oder Fastens dem Menschen zugute kommt. Menschen müssen für ihre Nahrung arbeiten, und Professor Mattson sagte, es gebe Anhaltspunkte dafür, dass das Fasten den menschlichen Geist in die Lage versetzt, besser und klarer zu denken.

Dies ist ein interessantes Konzept; Glukose ist die Hauptenergiequelle für die Körperzellen. Wenn eine Fastenphase beginnt, wird die in der Leber gespeicherte Glukose innerhalb der ersten 12 Stunden verbraucht. Wenn diese Glukosespeicher erschöpft sind, werden gespeicherte Fettsäuren aus den Fettzellen in den Blutkreislauf abgegeben, um Energie zu liefern. Diese Fettsäuren werden im Körper in Ketonkörper umgewandelt.[3] Dieser metabolische Schalter in der Energieversorgung geht mit zellulären und molekularen Anpassungen der neuronalen Netzwerke im Gehirn einher. Dadurch wird ihre Funktionsfähigkeit erhöht und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Stress, Verletzungen und Krankheiten gestärkt.[4]

Meine Forschungen zum Intervallfasten ergaben, dass die Herz- und Hirnzellen individuelle lebenslange Einheiten sind, die nicht ersetzt werden können und dass es daher zu einem gesunden Leben und einer hohen Lebenserwartung beiträgt, wenn diese Zellen optimal funktionieren. Während des Fastens, wenn das Gehirn für seine Funktion auf Ketonkörper angewiesen ist, entstehen weniger schädliche Abfallprodukte und dies kann zur Verbesserung der Gehirnfunktion beitragen.

Professor Mattson meinte, dass Intervallfasten das ganze Jahr über als eine Art Essgewohnheit praktiziert werden kann, dass aber selbst nach einem Tag Intervallfasten pro Woche gesundheitliche Vorteile beobachtet werden können; selbst ein Tag ist besser als keiner. Tierstudien haben gezeigt, dass die Praxis des Intervallfastens auch dann vorteilhaft ist, wenn die Tiere während der nicht fastenden Stunden eine fett- und proteinreiche Nahrung erhielten.

Ab welchem Alter können wir mit diesem Ernährungsverhalten beginnen in Anbetracht der physischen und psychischen Gesundheitsvorteile einer Ernährungsweise mit Nahrungskarenz für einen Zeitraum innerhalb eines 24-Stunden-Tages? Ich fragte, ob es irgendeine Altersgrenze für die Ausübung des Intervallfastens gibt und ob das Intervallfasten bei bestimmten Erkrankungen möglicherweise nicht sinnvoll ist.

Professor Mattson vertrat die Meinung, dass es keine Altersgrenze für Intervallfasten gibt; er nannte das Beispiel von Studien an Probanden, bei denen festgestellt wurde, dass es für fettleibige Kinder vorteilhaft ist, durch Intervallfasten Gewicht zu verlieren. Zudem konnten weitere gesundheitliche Vorteile erzielt werden. Professor Mattson meinte auch, das Intervallfasten könne von gesunden älteren Menschen auf vorsichtige Art und Weise durchgeführt werden.

Ich fragte Professor Mattson, ob er irgendwelche Tipps habe, die helfen könnten, die Praxis des Intervallfastens langfristig beizubehalten. Er erläuterte, dass sich der menschliche Körper an dieses Muster des Essverhaltens gewöhnen muss. Ein Zeitraum von einem Monat ist erforderlich, um dem Körper zu helfen, sich auf das neue Essverhalten einzustellen. Dies wird es ermöglichen, das Intervallfasten zum Bestandteil des Lebens und einer normalen Lebensführung zu machen.

Angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts auf diesem Gebiet und der zunehmenden Akzeptanz in der öffentlichen Gesellschaft fragte ich Professor Mattson, welch eine Zukunft er für das Intervallfasten sehe; und ob er aufgrund seines umfangreichen Wissens eine Botschaft für unsere Leser habe.

Ich war wirklich inspiriert von seiner nachdenklichen Antwort: Er sagte, die menschliche Entwicklung gedeihe während der Fastenzeit. Professor Mattson, der als führend auf dem Gebiet der zellulären und molekularen Funktionsmechanismen gilt, die der neuronalen Plastizität zugrunde liegen, erklärte, dass sich die Kraft der Kreativität und das Vorstellungsvermögen in Zeiten der Nahrungsmittelknappheit entwickelt und verstärkt hat. Fastenperioden in früheren Zeiten unterstützten den Menschen, Werkzeuge für die Jagd und die Verarbeitung von Nahrung herzustellen. Im Hinblick auf die zukünftige Forschung erklärte Professor Mattson, dass die Beweise für die Vorteile des Intervallfastens weitgehend von kaukasischen westlichen Personen stammen. Daten von Bevölkerungsgruppen mit hoher Diabetes-Inzidenz, wie z.B. Südostasiaten, sind nicht allgemein verfügbar. Dies könnte ein zukünftiges Forschungsfeld sein.

Forschungen zu den religiösen Fastenpraktiken des Ramadan sind keine randomisierten Studien und erfüllen daher nicht die Kriterien der wissenschaftlichen Belastbarkeit. Das islamische Fasten während des Fastenmonats Ramadan findet zu unterschiedlichen Jahreszeiten statt und Menschen mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen halten das Fasten in der gleichen vorgeschriebenen Weise ein. Die physiologischen Herausforderungen, die das Fasten im Monat Ramadan an den menschlichen Körper stellt, sind also weder universell noch standardisiert. Aus ethischen Gründen ist eine Randomisierung zu fasten oder nicht zu fasten nicht möglich. Daher könnte ein innovatives Studienkonzept erforderlich sein, um feste Beweise aus der religiösen Fastenpraxis zu gewinnen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Beschaffen, Zubereiten, Kochen und Verzehren von Nahrung die grundlegendste, instinktivste und lebenswichtigste menschliche Aktivität ist. Die Menschen haben schon immer gewusst, dass Nahrung lebensnotwendig ist und mit dem wissenschaftlichen Fortschritt haben wir gelernt, dass Menge, Zusammensetzung, Proportionen und Muster des Nahrungsmittelkonsums für die Gesundheit entscheidend sind. Die moderne Lebensweise hat zu vielen Krankheiten geführt, die aus übermäßigem Nahrungsmittelkonsum resultieren, wie z.B. Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und einige Krebsarten. Intervallfasten hilft dem menschlichen Körper, indem es Stoffwechselwege schafft, die effizient und für das Überleben förderlich sind. Eine Periode der Nahrungskarenz kann den Zellen helfen, schädliche Abfallprodukte zu eliminieren und neue Zellvorgänge in Gang zu setzen, die letztlich zur Bildung gesünderer Zellen führen. Meine Recherche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zeigt die Vorteile dieses Ernährungsmusters beim Fasten auf. Darüber hinaus stellte ich fest, dass die islamischen Lehren gut aufeinander abgestimmt sind und mit den aktuellen wissenschaftlichen Grundsätzen übereinstimmen, obgleich mehr Forschungsergebnisse erforderlich sind. Dieser Kurzartikel gibt einen Einblick in die zahlreichen gesundheitlichen Vorteile des Intervallfastens.

Referenzen:
1. de Cabo, R., Mattson, M.P., 2019. Effects of Intermittent Fasting on Health, Aging, and Disease. N. Engl. J. Med. 381, 2541–2551.
2. Anton, S.D., Moehl, K., Donahoo, W.T., Marosi, K., Lee, S., Mainous, A.G., Leeuwenburgh, C., Mattson, M.P., 2018. Flipping the Metabolic Switch: Understanding and Applying Health Benefits of Fasting. Obes. Silver Spring Md 26, 254–268. https://doi.org/10.1002/oby.22065
3. Mattson, M.P., 2019. An Evolutionary Perspective on Why Food Overconsumption Impairs Cognition. Trends Cogn. Sci. 23, 200–212. https://doi.org/10.1016/j.tics.2019.01.003
4. Mattson, M.P., Moehl, K., Ghena, N., Schmaedick, M., Cheng, A., 2018. Intermittent metabolic switching, neuroplasticity and brain health. Nat. Rev. Neurosci. 19, 80–80. https://doi.org/10.1038/nrn.2017.156

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