Islam

Die vierte Säule des Islam: Saum, das islamische Fasten

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Azhar Goraya, Mexiko

Einst erinnerte der Gedanke an Fasten an Bilder von Buddha, Mönchen oder Hindu-Yogis, die tief in Kontemplation versunken auf Nahrung und Wasser verzichteten, um spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Heute denkt man beim Fasten an die neuesten Diät-Trends, bei denen es darum geht, schneller wieder in Form zu kommen.

Fasten, eine vielleicht weniger intuitive Praxis, bei der dem Körper Nahrung vorenthalten wird, um einen positiven Effekt zu erzielen, ist so alt wie der Mensch selbst. In der Antike geschah dies aus der Not heraus, denn wenn die Nahrung knapp war, verzichteten unsere Vorfahren darauf. Leider ist diese Art des unfreiwilligen Fastens auch heute noch für viele Menschen Realität.

Wegen der starken Auswirkungen des Fastens auf Körper und Geist wurde es  in allen Religionen und Kulturen allgegenwärtig. In den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sind die Juden verpflichtet, an einem Tag im Jahr zu fasten, bekannt als Jom Kippur. Dies ist der einzige Tag des Fastens, der in der Tora erwähnt wird (Levitikus 23,26-32). Im Christentum gibt es keine eindeutige Verpflichtung zum Fasten, die in den überlieferten Aussagen von Jesus (as) in den Evangelien zu finden ist. Nichtsdestotrotz fastete JesusAS selbst aus verschiedenen Gründen (Lukas 40,1-2), ebenso wie die Mitglieder der frühen Gemeinde (Apostelgeschichte 13,2).  

Von den dreien hat der Islam den am stärksten entwickelten Rahmen in Bezug auf die Praxis des Fastens und zugleich den am tiefsten verfeinerten religiösen und theologischen Rahmen dazu.

Fasten ist im Islam als Saum bekannt. Es ist eine der fünf Säulen des Islam, sprich eine der fünf Handlungen, die für alle Muslime verpflichtend sind – das Glaubensbekenntnis (Kalima Shahadah), Salat (das tägliche Gebet), Zakat (die gerechte Umverteilung von Reichtum), eben Saum (das Fasten) und Hajj (die Pilgerfahrt).

Das islamische Fasten wird vom ersten bis zum letzten Tag des Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Kalenders, durchgeführt. In diesem Monat gibt es 29 oder 30 Fastentage, die die Muslime nacheinander absolvieren. Das heißt, es wird an jedem Tag dieses Monats gefastet, und zwar tagsüber. Es handelt sich nicht um ein einziges durchgehendes Fasten für den gesamten Monat.

Das Wort Saum leitet sich von der dreigliedrigen arabischen Wurzel ṣād-wāu-lām ab, was in erster Linie bedeutet, sich einer Sache zu enthalten (Lanes Lexikon).

Der Islam ist eine ganzheitliche Religion, die das Fasten im Streben nach einem hohen moralischen und spirituellen Ideal festgeschrieben hat. Der Heilige Qur’an, das heilige Buch des Islam, beschreibt den Zweck des Fastens wie folgt:

»O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr euch schützet.«[1]

Nichtsdestotrotz bringt das Streben nach Rechtschaffenheit durch das Fasten im Islam auch eine Vielzahl von körperlichen und sozialen Vorteilen mit sich. Das liegt daran, dass der Islam eine Religion ist, die ganzheitlich ist. Bewusstsein, Körper und Seele sind allesamt miteinander verbunden. Das, was wirklich gut für unsere Seele ist, wird auch unserem Körper und Verstand zugute kommen. Wie der Heilige Qur’an uns sagt:

»Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift.«[2]

Fasten im heiligen Monat Ramadan

Der Islam verstärkt die eigentlichen Vorteile des Fastens, indem er die Fastentage in den heiligen islamischen Monat Ramadan legt. Der Monat Ramadan ist jener Monat, in dem die Offenbarung des Heiligen Qur’an und die Mission des Propheten MuhammadSAW begann. Im Heiligen Qur’an heißt es:

»Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur’an herabgesandt ward: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen.«[3]

Das Fasten in diesem heiligen Monat rückt die Botschaft des Islam und des Heiligen Qur’an für den Menschen in den Mittelpunkt. Es ruft die Anstrengungen und Opfer des Propheten MuhammadSAW und seiner Gefährten für den Glauben in Erinnerung. Wo die körperliche Belastung des Fastens das Herz für das Leiden derer erweicht, die bereits tot sind oder noch unter uns weilen, stärkt es auch die eigene Entschlossenheit und bereitet einen Menschen darauf vor, ähnliche Opfer zu bringen.

Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS (1835-1908), der Verheißene Messias und Imam Mahdi, war der von Gott berufene Reformer dieser Zeit. Geboren in Qadian, Indien, beanspruchte er die zweite Ankunft von JesusAS, der erwartete Messias und Mahdi zu sein. Er wurde beauftragt, die wahren Lehren des Islam zu erklären und zu verdeutlichen. Er schreibt über die Bedeutung des arabischen Worts Ramadan mit den folgenden Worten:

»Die Sonnenhitze wird als Ramadan bezeichnet. Da der Mensch im Ramadan auf Essen & Trinken und alle körperlichen Annehmlichkeiten verzichtet und darüber hinaus ein Verlangen und einen Eifer entwickelt, die Gebote Allahs zu erfüllen, verbinden sich sowohl die geistige als auch die körperliche Glut und Leidenschaft, um Ramadan hervorzubringen. Was die Lexikografen behauptet haben, dass er [d.h. der Fastenmonat] in einen heißen Monat fiel und deshalb als Ramadan bezeichnet wurde, ist meiner Meinung nach nicht richtig, denn dies kann für die Araber keine Besonderheit sein. Mit dem spirituellen ramuḍ (Hitze) ist die spirituelle Leidenschaft, der Eifer und die Glut für Religion gemeint. Ramuḍ bezieht sich auch auf die Hitze, die Steine aufheizt.«[4] 

Der islamische Kalender basiert auf dem Mond. Der Monat beginnt mit der Sichtung der neuen Mondsichel am Westhorizont unmittelbar nach Sonnenuntergang. Je nachdem, ob der Neumond gesichtet werden kann, ist der Monat 29 oder 30 Tage lang.

Muslime schauen zum westlichen Horizont, um den Neumond am 29. Tag des Schaʿbān, dem achten Monat des islamischen Kalenders, zu sehen. Wenn der Neumond zu sehen ist, beginnt der Ramadan bei Sonnenuntergang, aber das Fasten beginnt mit dem nächsten Sonnenaufgang. Wenn der Neumond an diesem 29. Tag nicht zu sehen ist, beenden die Muslime die 30 Tage von Schaʿbān und der Ramadan beginnt am nächsten Tag.

Auf die gleiche Weise beobachten die Muslime am 29. des Ramadan nach Sonnenuntergang den Horizont, und wenn der Neumond zu sehen ist, dann ist der nächste Tag der Monat Schawwāl und wird als der Tag von Eid-ul-Fitr, dem Fest am Ende des Fastenmonats, gefeiert. Wenn der Neumond nicht gesehen wird, dann gilt der nächste Tag als der 30. des Ramadan, an dem gefastet wird.

In unserer modernen Zeit werden in der Regel astronomische Berechnungen herangezogen, um diese Daten zu bestimmen.

Die spirituellen Vorteile des Fastens

Es gibt viele Vorteile des Fastens. Entsprechend seinem erklärten Zweck sind die wesentlichen Vorteile des Fastens im Monat Ramadan spiritueller und moralischer Natur.

Der Fastenmonat ist eine Zeit für die Erhörung von Gebeten. Der Heilige Qur’an sagt im Zusammenhang mit dem Fasten im Monat Ramadan:

»Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich): ›Ich bin nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet. So sollten sie auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie den rechten Weg wandeln mögen.‹«[5]

Der Heilige Prophet MuhammadSAW erklärte, dass das Fasten im Monat Ramadan ein Mittel zur Vergebung darstellt:

»Jener, der während des Ramadan fastet, um den Verpflichtungen des Glaubens nachzugehen und um die Belohnung Gottes zu erhalten, dem werden alle seine vorherigen Sünden vergeben.«[6]

Er erklärte auch, dass es ein Mittel zur Bewahrung vor der Hölle ist:

»Wahrlich, wer einen Tag lang für Allahs Wohlgefallen fastet, dessen Gesicht wird Allah für (die Strecke einer Reise von) siebzig Jahren vom (Höllen-)Feuer fernhalten.«[7] 

Fasten ist auch eine Möglichkeit, ins Paradies zu gelangen. Der Heilige Prophet MuhammadSAW erklärte, dass es ein Tor im Himmel gibt, durch das diejenigen eintreten werden, die das Fasten während dieses Monats eingehalten haben:

»Es gibt ein Tor im Paradies, das ar-rayyān heißt, und diejenigen, die das Fasten einhalten, werden am Tag der Auferstehung hindurchgehen, und niemand außer ihnen wird hindurchgehen. Es wird gesagt werden: ›Wo sind diejenigen, die zu fasten pflegten?‹ Sie werden aufstehen und niemand außer ihnen wird hindurchgehen. Nach ihrem Eintreten wird das Tor geschlossen werden und niemand sonst wird hindurchgehen.«[8]

Die endgültige Belohnung ist jedoch, dass Gott selbst ein enger Freund und Helfer desjenigen wird, der in diesem Monat aufrichtig fastet. Der Heilige Prophet MuhammadSAW sagte:

»Allah, der Allmächtige und Majestätische sagt: ›Alle Taten des Menschen sind für ihn selbst, aber das Fasten ist für Mich, und Ich selbst werde der Lohn dafür sein […]‹«[9]

Der Verheißene Messias, Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, erklärte, wie das Fasten das Herz eines Menschen erhellt. Er schreibt über den Vers:

»Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur’an herabgesandt ward.[10] Dieser Vers zeigt die Erhabenheit des Monats Ramadan. Die Sufis haben aufgezeichnet, dass er ein guter Monat für die Erleuchtung des Herzens ist. Einer, der fastet, erlebt in diesem Monat häufig Visionen. Das ṣalāt reinigt den Geist und das Fasten erleuchtet das Herz. Die Reinigung des Geistes bedeutet, dass man von den Leidenschaften des zum Bösen anregenden Selbst befreit wird, und die Erleuchtung des Herzens bedeutet, dass die Tore der Visionen geöffnet werden, damit einem ermöglicht wird, Gott zu sehen.«[11]

Andere Vorteile des Fastens

Es gibt eine Reihe von psychologischen Vorteilen, die mit dem Fasten verbunden sind. Das Fasten steigert die Willenskraft, da man auf Essen und Trinken verzichten muss, das sonst verfügbar ist. Diese Willenskraft ermöglicht es, sündhafte Handlungen in der Zukunft zu vermeiden – wenn man vorübergehend auf das Erlaubte verzichten kann, wird es viel leichter sein, auf das Unerlaubte zu verzichten.

Auf moralischer Ebene hilft das Fasten, denjenigen gegenüber mitfühlend zu sein, die nichts haben, um ihren Hunger zu stillen. Dies führt zu einem spezifischen sozialen Nutzen des Fastens – erhöhte Wohltätigkeit. Man ist nicht nur von Natur aus eher geneigt, während des Fastens Almosen zu geben, sondern der islamische Glaube selbst schreibt es vor. Vom Heiligen Propheten MuhammadSAW ist überliefert, dass er während der Tage des Ramadan sogar noch wohltätiger war als sonst[12], und diejenigen, die aufgrund von Krankheit nicht fasten können, werden aufgefordert, stattdessen die Armen zu speisen. Außerdem wird während des Fastens erwartet, dass man auf Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und jede Art von anstößigen Handlungen und Worten verzichtet[13]. Daher ist das islamische Fasten eines, das die gesellschaftliche Harmonie und den Frieden fördert.

Der Islam erlaubt keine sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe. In diesem Zusammenhang ist das Fasten nützlich, um den sexuellen Trieb derjenigen zu kontrollieren, die entweder für längere Zeit von ihren Ehepartnern weg sind oder die noch nicht geheiratet haben. Vom Heiligen Propheten Muhammad (sa) wird überliefert, dass er sagte:

»Derjenige, der es sich leisten kann zu heiraten, sollte heiraten, denn es wird ihm helfen, andere Frauen nicht anzusehen und seine Geschlechtsorgane vor unerlaubten sexuellen Beziehungen zu bewahren; und demjenigen, der es sich nicht leisten kann zu heiraten, wird geraten zu fasten, denn das Fasten wird seinen sexuellen Trieb hemmen.«[14]

Beim Fasten gibt es auch eine Reihe von körperlichen Vorteilen. Einige davon sind:

– Verbesserung der Blutzuckerkontrolle durch Verringerung der Insulinresistenz

– Reduzierte Entzündungen im Körper

– Verbesserte Blutdruck-, Triglycerid- und Cholesterinwerte

– Verhindert neurodegenerative Störungen

– Kann bei der Gewichtsabnahme helfen, indem es die Kalorienaufnahme begrenzt und den Stoffwechsel ankurbelt

– Erhöhte Wachstumshormonausschüttung, die wichtig für Wachstum, Stoffwechsel, Gewichtsabnahme und Muskelkraft ist

– Könnte die Alterung verzögern

– Könnte bei der Krebstherapie und der Wirksamkeit einer Chemotherapie helfen [15]

Fazit

Fasten im Islam ist also eine Praxis, die sehr viele Vorteile – spirituell, körperlich und sozial – mit sich bringt. Wie alle anderen islamischen Praktiken ist es sowohl in der Theologie als auch in der Praxis sehr verfeinert. Kombiniert mit dem Gebet wird es zu einem wichtigen und notwendigen Mittel auf dem Weg zu Gott.

Über den Autor: Azhar Goraya ist ein Absolvent des Ahmadiyya Instituts für Sprachen und Theologie in Kanada. Er dient derzeit als Imam der Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Mexiko. Außerdem ist er der zentralamerikanische Koordinator für die spanische Ausgabe der Revue der Religionen.

Referenzen:
[1] Der Heilige Qur’an 2:184
[2] Der Heilige Qur’an 2:185
[3] Der Heilige Qur’an 2:186
[4] Exegese des Verheißenen MessiasAS, unter 2:186. Original aus Al-Hakam, Bd. 5, Nummer 27, 24. Juli 1901, S. 2
[5] Der Heilige Qur’an 2:187
[6] Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Buch über die Vorzüge der Nacht von Qadr, Kapitel: Die Vorzüglichkeit der Nacht von Qadr, Hadith Nr. 2014.
[7] Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Buch über Dschihad und Siyar, Kapitel: Die Vorzüglichkeit des Fastens für Allah, Hadith Nr 2840.
[8] Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Buch des Fastens, Kapitel: Ar-rayyān ist für die Fastenden, Hadith Nr. 1896.
[9] Ṣaḥīḥ muslim, Buch des Fastens, Kapitel: die Vorzüge des Fastens, Hadith Nr. 1151.
[10] Der Heilige Qur’an 2:186
[11] Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS: Malfūẓāt, Bd. IV, S. 256 f.)
[12] Ṣaḥīḥ muslim, Das Buch der Tugenden, Kapitel: Seine Großzügigkeit, Hadith Nr. 2308.
[13] Sunan Abū dawūd, Buch des Fastens, Kapitel: üble Nachrede einer fastenden Person, Hadith Nr. 2363.
[14] Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Buch des Fastens, Kapitel: Fasten für diejenigen, die befürchten, unerlaubte sexuelle Handlungen auszuführen, Hadith Nr. 1905.
[15] Gesundheitliche Vorteile des Fastens, unterstützt durch die Wissenschaft. Healthline. https://www.healthline.com/nutrition/fasting-benefits. Zugriff am 4. September 2020.

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