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Eine Annäherung an einen zentralen islamischen Begriff – Allāhu akbar (Teil 2/2)

Samina Tabassum

Teil 1

Allāhu akbar – Gebrauch im Gottesdienst und im Alltag

Der Begriff wird mittlerweile in alltäglichen Situationen in Gesprächen, bei Gefühlsregungen wie Freude, Überraschung, Begeisterung und Bestürzung leise oder laut ausgerufen. Es gibt sogar arabische Fußballkommentatoren, die bei einem Tor Allāhu akbar ins Mikrofon rufen, um ihre Freude oder Überraschung auszudrücken. Also entspricht der Begriff in der alltäglichen Verwendung, bezogen immer auf dem Kontext, in etwa der Aussage »Was für ein tolles Tor«, oder »O mein Gott«. Manche verwenden ihn auch als ein Mittel gegen Einsamkeit, mit dem Glauben daran, dass Gott niemals stirbt und somit einen niemals verlässt. Das Wiederholen oder Reflektieren des Begriffs beruhigt sie.

Quellen islamischer Lehren

Die Quellen des muslimischen Glaubens sind der Heilige Qur’an, die Praxis (Sunna) und die Überlieferungen des Heiligen Propheten MuhammadSAW (Ahadith). Darauf beziehen sich Muslime. Die fünf Pfeiler des Islam basieren eben auf diese Quellen. Das Glaubensbekenntnis »Niemand ist anbetungswürdig außer Allah und Muhammad ist der Gesandte Allahs.« ist der erste Pfeiler. Darin kommt der Begriff Allāhu akbar nur sinngemäß vor, dass Gott eine ausgewählte Rolle zugeschrieben wird und MuhammadSAW Sein Gesandter ist. Das heißt: er ist ein Mensch und kein Gott. Der zweite Pfeiler ist das Gebet, das fünfmal am Tag von Muslimen verrichtet werden sollte, und in diesem Kontext wird der Begriff Allāhu akbar sehr oft verwendet. Zu den Pfeilern gehören darüber hinaus das Fasten, Almosen geben und die Pilgerfahrt nach Mekka. Bei der Durchführung bestimmter Rituale wird der Begriff Allāhu akbar häufig verwendet, im wörtlichen oder auch nur im übertragenen Sinne mit dem Hintergedanken, beispielsweise nicht »zur Schau« zu spenden, wie es im Vers 39 der Sure 4 [»jene, die ihr Gut spenden den Leuten zur Schau«] heißt, sondern mit der Einstellung zu spenden, um das Wohlgefallen Allahs zu erlangen, weil Er sie besonders gesegnet hat und sie nun deshalb davon einen Teil an andere abgeben. 

Ḏikrullāh: Das Gedenken Allahs

Im Arabischen wird eine Andachtsübung auch ḏikr genannt. Ḏikr bedeutet »Gedenken« und ḏikrullāh wird mit »Gedenken Allahs« übersetzt. Der Zweite Kalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA erklärte, dass das Gedenken Allahs bedeutet, »die verschiedenen Attribute Allahs sich zu vergegenwärtigen, sie mit der Zunge immer wieder aufzurufen, ja, ihnen von ganzem Herzen zuzustimmen und Seine Kraft und Macht eingedenk zu sein.« (Ahmad (2012): Das Gedenken Allahs, Verlag der Islam, S. 14) Und das Gedenken Allahs ist laut dem Heiligen Qur’an die höchste Tugend wie es in Vers 46 der Sure 29 zu lesen ist, weil die Verehrung von Gott dazu anleitet, dass man negative Gefühle reguliert und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Es leitet dazu an, Gutes in seinem Umfeld zu bewirken.

Verlies, was dir von dem Buche offenbart ward, und verrichte das Gebet. Wahrlich, das Gebet hält ab von Schändlichkeiten und Unrecht; und an Allah denken ist gewiss die höchste (Tugend). Und Allah weiß, was ihr tut.

Der Heilige Qur’an, 29:46

Aṣ-Ṣalāt: Das Ritualgebet

Das Gebet stellt fünf Mal am Tag ein wichtiges Ritual für gläubige Muslime dar. Es ist ein fester Bestandteil im Alltag von praktizierenden Muslimen. Das Ritualgebet ist das wichtigste Mittel, um eine lebendige Beziehung zu Gott aufzubauen. Es ist ein Mittel zur Kommunikation mit Gott. Es geht auch darum, sich immer wieder in regelmäßigen Abständen einige Minuten Zeit zu nehmen, um aus dem Alltag auszusteigen, sozusagen anzuhalten und sich auf Gott und den Lebenssinn zu besinnen. Gleichzeitig kann das Gebet die Emotionen regulieren und Kraft geben, wenn man dabei seine Gedanken darauf richtet und glaubt, dass Gott allmächtig und barmherzig ist und einem immer helfen wird, ob die Hilfe nun darin besteht, dass Er das Gebet, das man an Ihn richtet, in der Form erhört oder einem einfach nur Stärke gibt, etwas durchzustehen. Laut dem muslimischen Glauben gehen aufrichtige Gebete nie verloren. Es gibt nur Unterschiede darin, wie sie angenommen werden. Die vorgegebenen Gebete beinhalten also eine Bitte an Gott. Sie stellen Kommunikationsmittel dar, auch um in der Welt eingebettet und verbunden zu sein, mit dem höchsten Wesen, dem Schöpfer, dem Allmächtigen, dem Weisen, vor dem Muslime auch folgendes bekennen: »innā lillāhi wa-innā ilaihi rāǧiʿūn«, d.h. »Wahrlich, Allahs sind wir und zu Ihm kehren wir heim.« Dieser Satz wird häufig beim Eintreffen eines Unglücks oder auch bei Todesfällen ausgesprochen. Auch beim Gebet für einen Verstorbenen wird der Begriff Allāhu akbar verwendet.

Ziel ist es auch, sich durch die fünf Ritualgebete am Tag zu erneuern und reinigen, wie es der Heilige Prophet MuhammadSAW in der folgenden Überlieferung bildhaft erklärt hat:

»Stellt euch vor, jemand von euch hätte vor seiner Haustür einen Fluss, in dem er fünfmal am Tage baden würde; Würde dann etwas von seinem Schmutz an ihm zurückbleiben?« Die Leute antworteten: »Nichts von seinem Schmutz würde an ihm zurückbleiben.« Der ProphetSAW sagte: »Genauso ist es mit den fünf Gebeten, durch die Allah die Sünden tilgt.«

Ṣaḥīḥu l-Buḫārī, Kapitel 9/Hadith Nr. 528

Aḏān: der Gebetsruf

Allah ist der Größte.
Allah ist der Größte.
Allah ist der Größte.
Allah ist der Größte.

Ich bezeuge, dass niemand anbetungswürdig ist außer Allah.
Ich bezeuge, dass niemand anbetungswürdig ist außer Allah.

Ich bezeuge, dass Muhammad Allahs Gesandter ist.
Ich bezeuge, dass Muhammad Allahs Gesandter ist.

Eilt herbei zum Gebet.
Eilt herbei zum Gebet.

Eilt herbei zum Erfolg.
Eilt herbei zum Erfolg.

Allah ist der Größte.
Allah ist der Größte.

Niemand ist anbetungswürdig außer Allah.

Das Gebet beginnt mit zwei Gebetsrufen. Der erste Ruf wird Aḏān genannt und erfolgt mehrere Minuten vor Gebetsbeginn. Dieser soll zum Gebet aufrufen und erinnern. Und dann folgt ein etwas kurzer Gebetsruf, das iqāma bzw. takbīr genannt, unmittelbar vor dem Gebetsbeginn.

Der Begriff Allāhu akbar kommt in dem Gebetsruf sechs Mal vor. Und wenn man daran denkt, dass er fünfmal am Tag ausgerufen wird, um an das Verrichten des Gebets zu erinnern, wird die Bedeutung des Begriffs Allāhu akbar für den Gottesdienst umso deutlicher. Das Ritualgebet, aṣ-ṣalāt genannt, besteht aus mehreren Einheiten, Positionen und Bewegungen mit vorgeschriebenen Gebeten auf Arabisch, die wiederholt gesprochen werden. Man hat aber auch die Möglichkeit in seiner Muttersprache zu Gott zu beten. Beim Ändern der jeweiligen Gebetshaltung wird Allāhu akbar gesprochen. Ein Ritualgebet ist beendet, sobald die Betenden den Kopf nach rechts und links wenden und jeweils as-salāmu ʿalaikum wa-raḥmatullāhi sagen und dabei zuerst die Umgebung und ihre Mitmenschen, mit dem oben genannten Friedensgruß begrüßen, was übersetzt heißt »Friede und Segnungen Allahs seien mit euch«. 

Der Begriff Allāhu akbar wird also im Gebet immer wieder verwendet; er dient zur Anleitung des Gebets und zur Erinnerung, zum einen an die nächste Körperposition, die eingenommen werden soll, und zum anderen auch dazu, dass die Betenden durch diesen Ausruf wieder ihre Gedanken auf das Gebet richten, wenn die Konzentration im Gebet einmal verloren gegangen sein sollte. Ebenso kann die Konzentration auf Gott und auf den Lebenssinn im Alltag durch die vielen weltlichen Verpflichtungen und Ablenkungen verloren gehen, oder eine Gelegenheit gibt einen freudigen Anlass. Dann ist es für gläubige Muslime angebracht, Gott mit den Worten Allāhu akbar zu gedenken und zu danken. Und Dankbarkeit ist eine der Eigenschaften, die im Heiligen Qur’an erwähnt wird und die Gottes Segen anzieht. Folglich lässt sich zusammenfassen: Der Begriff Allāhu akbar gibt die Grundidee des muslimischen Glaubens wieder, er wird sehr oft im spirituellen Kontext verwendet und hat einen starken religiösen Bezug. Wenn wir einmal zusammenrechnen wollten, wie oft der Begriff von praktizierenden Muslimen an einem Tag verwendet wird, dann wäre das sicher über 100 Mal der Fall, und das verdeutlicht die besondere Stellung und inhaltliche Bedeutung des Begriffs für Muslime in ihrem Gottesdienst und in ihrem Alltag.

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