Interviews Jalsa Salana Deutschland

»Die Lehre des Islam hat die Kraft, eine Gesellschaft moralisch zu erwecken«

Seit zwei Jahren dient Frau Maryam Ghaffar als Sekretärin für religiöse und moralische Erziehung in der muslimischen Frauenorganisation Lajna Imaillah Deutschland. Auf der Jalsa Salana Deutschland 2021 adressierte sie in einer Rede die weiblichen Mitglieder ihrer Gemeinde, die teils vor Ort und größtenteils digital zugeschaltet waren. In Ihrer Rede mit dem Titel: »Die Verantwortung der Frauen in der Etablierung einer paradiesgleichen Gesellschaft«, sprach sie über die Rolle und großartigen Verantwortungen der Frauen, die ein Garant zur Reformierung einer jeden Gesellschaft sein können. In einem Gespräch mit der Revue der Religionen (RdR) spricht Frau Maryam Ghaffar (MG) darüber, wieso die Vorstellung einer mehrheitlich friedlichen und somit paradiesgleichen Gesellschaft durch die islamische Lehre, nicht einem Luftschloss gleicht, sondern vielmehr eine realistische Vision für ein harmonisches Miteinander darstellt. 

RdR: Frau Ghaffar, mich würde interessieren welche Gedanken Ihnen durch den Kopf gingen als Sie erfuhren, dass Sie die ehrenvolle Möglichkeit erhalten haben, eine der Rednerinnen zu sein, die auf der Jalsa Salana 2021 zu den Frauen sprechen wird?

MG: Ich habe eine Art Flashback erlebt, denn vor zwei Jahren war ich bereits einmal in dieser Situation (lacht). Im Jahr 2019 durfte ich, durch Allahs unendlichen Segen, eine Rede auf der Jalsa vor knapp 20.000 Frauen halten. Ein unfassbares und einzigartiges Erlebnis, wofür ich sehr dankbar bin. Als ich den Anruf von unserer nationalen Präsidentin entgegennahm und sie mir die Nachricht übermittelte und dabei mir auch das Thema meiner Rede verriet, erlebte ich dieselben Gefühle der Demut, gesunder Angespanntheit und Dankbarkeit, wie vor zwei Jahren. Ich fand mich wieder in einer Situation, von der ich nicht glaubte, dass sie erneut in meinem Leben erscheinen wird. 

RdR: Seit 2019 dienen Sie als nationale Sekretärin in der Abteilung Erziehung Ihrer Frauenorganisation. Wie ist es für Sie mit Ihrem Amt, solch ein interessantes und doch anspruchsvolles Thema in Ihrer Rede zu behandeln?

MG: Schnell wurde mir bewusst, dass dieses Thema von seiner HeiligkeitABA genehmigt wurde, da es den Bedürfnissen unserer Zeit entspricht. Die Notwendigkeit darüber zu reflektieren, wie wir als Menschen und besonders als Ahmadi Muslime eine echte Veränderung in unserer Gesellschaft hervorrufen können, ist so wichtig und aktuell wie nie zuvor. Die Jalsa Salana ist der idealste Ort darüber zu sprechen und gemeinsam nachzudenken. Sie müssen sich vorstellen, die Jalsa Salana, das Sitzen in dieser gesegneten Versammlung, sei es vor Ort oder auch dieses Mal zum Teil digital, ist mit unendlich vielen Segnungen verbunden. In einer Überlieferung des Heiligen Propheten MuhammadSAW heißt es, dass an einem Ort wo der Name Allahs und seines GesandtenSAW gedacht und gepriesen wird, genau dieser Ort von Engelscharen bedeckt wird, die für die Teilnehmer dieses gesegneten Zusammenkommens, dieser gesegneten Versammlung, beten.

RdR: Was für ein wunderbarer Gedanke!

MG: Absolut! Die Herzen der Menschen sind empfänglicher durch die reine und spirituell aufgeladene Atmosphäre. Daher ist es bei so weitläufigen Themen mit gesellschaftlicher Relevanz besonders wichtig, diese während der Versammlung anzusprechen. Besonders mit meiner Verantwortung als Sekretärin für religiöse und moralische Erziehung sehe ich es als meine Aufgabe, mit meinen Schwestern über die vollkommene islamische Lehre zu reflektieren, die besonders zu dem Thema meiner Rede klare Antworten bietet.

RdR: Wahrscheinlich lesen und unterhalten Sie sich viel zur Vorbereitung auf Ihre Rede. Gibt es etwas, was Sie gelesen haben oder gibt es einen Gedanken, der Ihr Herz in den vergangen Tagen besonders berührt hat?

MG: In den vergangenen Tagen wurde mir immer bewusst, welche essentielle Rolle Bildung und Erziehung von Frauen für die Etablierung einer reinen Gesellschaft einnehmen. Ohne Bildung von Frauen auf religiöser Ebene, ohne das Bewusstwerden der islamischen Lehre und die daraus resultierenden Rechte und Pflichten für die Mitglieder einer Gesellschaft, ist dieses Ziel nicht erreichbar. 

RdR: Bedeutet das, dass bei diesem Vorhaben Frauen eine größere Verantwortung haben als Männer?

MG: Das würde ich nicht direkt behaupten, denn Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn sowohl Männer als auch Frauen sich beteiligen und Verantwortung übernehmen. Der Islam lebt vom zentralen Gedanken, dass der/die Gläubige einerseits die Rechte Gottes und andererseits die Rechte der Schöpfung erfüllen muss. Dieses Gebot gilt für Mann und Frau gleichermaßen. Es kann keine Verantwortung abgegeben werden. Somit sieht die islamische Lehre eine sinnvolle Aufgabenverteilung vor.

RdR: Wieso scheint es so Frau Ghaffar, dass besonders wenn man sich den Zustand dieser Welt anschaut, eine paradiesgleiche Gesellschaft einer Utopie gleicht? Welchen Gegenentwurf zeichnet die islamische Lehre?

Augenscheinlich mag es für viele eine Utopie erscheinen, doch die Geschichte des Islam und der Ahmadiyya zeigen klar auf, dass dieser gesellschaftliche Standard möglich ist. Die Araber in der vorislamischen Zeit hatten ihre Menschlichkeit, gar jede Moral, verloren. Der Heilige Prophet MuhammadSAW hat mit der Lehre des Islam es geschafft, die Herzen und das Handeln der damaligen Menschen zu beeinflussen. Die Stadt Medina, in der der Heilige ProphetSAW viele Jahre Zuflucht fand, ist das ideale Beispiel dafür, dass es möglich ist, Menschen und somit Gesellschaften, wie sehr sie auch moralisch abgestumpft sein mögen, wiederzubeleben, zu erwecken. Auch Inder zu der Zeit des Verheißenen MessiasAS litten unter dem unmoralischen Kastensystem, was vielen Menschen ihre Daseinsberechtigung nahm und sie an den Rand der Gesellschaft drückte. In solch einem Land mit solch einer Gesellschaft schaffte es der Verheißene MessiasAS, eine spirituelle Atmosphäre zu schaffen, die die Herzen der Menschen anzog und ihr Handeln reformierte.

Jedoch ist laut der Lehre des Islam eine gesellschaftliche Reformierung an bestimmten Bedingungen gebunden. Es beginnt mit der Selbstreform eines Menschen, wodurch ein neuer Wind im Leben der Person wehen muss. Zudem ist eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung nur dann möglich, wenn wir versuchen in der kleinsten Einheit, der Familie, eine paradiesgleiche Atmosphäre zu etablieren. Wenn wir einen liebevollen und gerechten Umgang mit unseren Partnern, Eltern, Kindern, Freunden und Verwandten pflegen, wird dies auf das gesellschaftliche Bild abfärben. Wenn wir unsere Kinder mit Werten wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Gottesfurcht und vieles mehr ausrüsten, können diese als die kommende Generation ein Zusammenleben ermöglichen, was sich vom jetzigen Zustand absetzt. Nur wenn unsere eigenen Familien in Harmonie leben und wir ihnen dies lehren, wird die zweite Bedingung erfüllt. 

Über all diesen Bedingungen steht eine essentielle Komponente, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Die Essenz des islamisch-gesellschaftlichen Gegenentwurfs lebt vom Glauben an einen lebendigen und antwortenden Gott. Ein Gott, dessen Liebe so erstrebenswert ist, dass man nichts, kein unmoralisches Verhalten riskieren möchte, um Seine Liebe und Nähe zu verlieren. Ein echter Glaube an Allah dem Allmächtigen motiviert Gutes zu tun, sich moralisch zu bessern und alles für gesellschaftlichen Frieden aufzugeben.

RdR: Was sind zentrale moralische und spirituelle Herausforderungen unserer Zeit, die den Menschen daran hindern, solch eine Gesellschaft zu etablieren?

MG: Der unendlich scheinende Materialismus, der den menschlichen Egoismus fördert, ist mitunter ein zentrales Problem unserer Zeit. Wenn das Wetteifern sich darauf bezieht, wer das beste Auto, das größte Eigenheim oder die teuerste Kleidung hat, ist eine spirituelle Weiterentwicklung nicht möglich. Im Heiligen Qur’an heißt es: »wetteifert miteinander in guten Werken«. Diese Aufforderung spornt die Gläubigen an, sich in ihren Diensten Gott und der Schöpfung gegenüber zu übertreffen. 

RdR: Zum Schluss würde mich interessieren, welche Vision Seine HeiligkeitABA für das Erreichen eines paradiesgleichen gesellschaftlichen Zustandes hat? Welche genauen Maßnahmen müssen Ahmadi Frauen ergreifen, um diesem Ideal gleichzukommen?

MG: Bei der Vorbereitung meiner Rede ist mir aufgefallen, dass Seine HeiligkeitABA uns rechtzeitig warnt und hinweist und dadurch den Mitgliedern unserer Gemeinde die Möglichkeit gibt, sich von den schlechten Einflüssen unserer Zeit zu schützen. Unsere aktive Aufgabe, unsere Verantwortung ist es, dass wir es uns aneignen sollten, den Worten seiner HeiligkeitABA mit absoluter Aufmerksamkeit zuzuhören. Und vielmehr als das Zuhören ist das Handeln nach den Worten seiner HeiligkeitABA von Bedeutung. Das Khilafat ist ein Geschenk für uns. Echte, wahre Rechtleitung und Führung zu einer paradiesgleichen Gesellschaft ist nur durch das göttliche Khilafat möglich. 

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