Islam

Gibt es eine Abrogation im Heiligen Qur’an?

Standpunkt der Ahmadiyya Muslim Jamaat zum nasḫ im Qur’an
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Das Wort Abrogation bedeutet übersetzt etwa Aufhebung, Annullierung oder außer Kraft setzen. Unter den meisten Muslimen ist dieser Begriff unter der Terminologie nasḫ bekannt. Sie vertreten hierbei die Ansicht, dass bestimmte Verse des Qur’an abrogiert worden seien, d. h. nicht mehr gültig und relevant seien. Anlehnend an zwei Verse des Qur’an (2:107 und 16:102) messen die meisten heutigen Gelehrten der usul al fiqh (Prinzipien des Rechtes) und tafsir (Exegese der Qur’an) dieser Theorie eine große Bedeutung bei. Eine der wichtigesten Reformen in der islamischen Theologie, welche durch Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, dem Verheißenen Messias und Mahdi eingeleitet wurde und wegen ihrer Tragweite als eines der größten Reformen gelten kann, ist die Negation irgendeiner Abrogation im Heiligen Qur’an.

Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad QadianiAS, der Verheißene Messias und Mahdi schreibt kategorisch: „Die Wahrheit ist, dass keine tatsächliche Abrogation oder Addition im Qur’an erlaubt ist.“ 1

Weiter schreibt es an einer anderen Stelle: „Wir glauben fest daran, dass der Heiligen Qur’an das Siegel der himmlischen Bücher ist. Keine Silbe und kein Punkt von seinen Gesetzen, Geboten oder Verboten kann hinzugefügt oder weggenommen werden.“ 2

Und: „Dann wird die die Preiswürdigkeit seiner Form (Anm. d. H. d.h. des Qur’an) und Struktur beschrieben, indem gesagt wird „laraib-a-fi’h“. Der Körper des Qur’an ist derart logisch aufgebaut, dass kein Platz darin gelassen wurde für irgendeine Art von Zweifel.“ 3

In der Ahmadiyya Literatur wurden die ersten ausführlichen Abhandlungen über nasḫ in mehreren Ausgaben der Review of Religions Urdu des Jahres 1907 herausgebraucht, die kurze Zeit später in der englischen Review übersetzt wurden.4 Eine Entgegnung auf Naksh war davor schon 1901 aus der Feder des späteren ersten Kalifen, Hadhrat Hakim Maulvi Nur-ud-DinRA, erschienen.

Der erste KalifRA sagt über Abrogation:
„Was die Frage anbelangt, ob es eine Abrogation im Qur’an gibt oder nicht, so würde ich darüber nach meinem Verständnis sagen, dass ich noch nie einen abrogierten Vers im Qur’an gesehen habe. Noch ist vom Heiligen ProphetenSAW, Hadhrat Abu Bakr oder UmarRA irgenein Ausspruch überliefert, indem von einem abrogierten Vers im Qur’an die Rede wäre.“ 5

Weiter beschreibt er ein Ereignis aus seinem Leben wie folgt:
„Ich hatte in einer Zeit den Wunsch, mehr über diese Thematik zu erfahren. Ich fand ein Büchlein, indem geschrieben war, dass fünfhundert Verse abrogiert wären. Ich dachte darüber nach und war erstaunt über die Achtlosigkeit des Autors. Nach einigen Tagen sah ich Itiqān von Suyutī. So freute ich mich darüber so sehr als hätte ein Herrscher sein Königreich erlangt oder ein Gelehrter ein gutes Buch oder ein Gönner eines Volkes einen Erfolg. Ich hatte dennoch bedenken über die von Imam Suyutī genannten (abrogierten) Verse […] Nach einigen Tagen fand ich das Buch fauz al-kabīr fī usūl at-tafīir, als einen Trost für meinem rastlosen Herzen. In diesem Buch hatte der gelehrte Autor nur fünf Verse als abrogiert angesehen. Ich habe diese fünf Verse gemäß verschiedenen Exegesen (tafsīr) untersucht und kam zum Ergebnis, dass diese fünf Verse nicht abrogiergt sind […] Wenn wir einen Widerspruch in zwei Geboten Gottes sehen, dann sollten wir gemäß dem Vers „Wäre er (der Qur’an) von einem anderen als Allah, sie würden gewiss manchen Widerspruch darin finden“ fest daran glauben, dass dieser vermeintliche Widerspruch wegen unseres fehlenden Verständnisses ist. Wenn wir nicht in der Lage waren zwei Verse oder Ahadith miteinander in Einklang zu bringen, so gibt es sicherlich tausende andere Diener Allahs, die das zu tun vermögen.“ 6

Die wohl ausführlichste Diskussion über nasḫ in der Ahmadiyya-Literatur finden wir in der großen Koran-Exegese Tafsir-e Kabir des zweiten KalifenRA, auf die wir später noch näher eingehen werden.

Der zweite KalifRA schreibt:
„Jene, die an einer Abrogation im Qur’an glauben, bringen kein Ausspruch des Heiligen ProphetenSAW als Beweis für die Unterstützung dieser These hervor, ob dem Heiligen ProphetenSAW je Gott offenbart hätte, welcher Vers abrogiert worden sei. Oder dass er gesagt habe, dass Gott diesen oder jenen Vers abrogiert hätte. Oder dass Menschen seinen Sitzungen beigewohnt hätten, in denen er sagte, eine Offenbarung darüber erhalten zu haben, welcher Vers abrogiert worden sei. Sie (die Befürworter von Abrogation) argumentieren nur damit, dass bestimmte Verse einem anderen widersprechen und schlussfolgern daraus, es würde eine Abrogation vorliegen. In anderen Worten. all jene Verse, die sie nicht zu erklären vermögen. deklarieren sie als abrogiert. Und dies nur aus Mangel an Wissen.“ 7

Weiterhin sagt er:
„Die Vorstellung von einigen Rechtsgelehrten, dass bestimmte Verse in der Rezitation vorhanden aber im Gebot abrogiert wurden, widerspricht der Vernunft, der Dialektik und den quranischen Etiketten. Wir akzeptieren eine solche Vorstellung nicht. Wenn es abrogierte Verse im Heiligen Qur’an gäbe, dann verliert der Qur’an seine Glaubwürdigkeit. Welches Argument haben wir in einem solchen Falle dafür den einen Vers zufolgen und einem anderen nicht. Die größte Glorie des Qur’an liegt ja eben daran, dass er auf Authenzität fundiert ist und jedes einzelne seiner Wörter authentisch ist. Wenn wir aber die Einhaltung seiner Gebote und Verse von der Meinung der Gelehrten und Fuqaha (Rechtsgelehrte) abhängig machen, dann wird der ganze Qur’an zweifelhaft, so wie die Meinungen der Gelehrten zweifelhaft sind.“ 8

Warum widerspricht eine Abrogations-Theorie dem Qur’an?

Der Qur’an beansprucht ein vollkommenes Buch zu sein. Unmissverständlich heißt es in der zweiten Sure: „Dies ist jenes Buch, es gibt kein Zweifel darin.“ (2:3)
Der Heilige Qur’an sagt zudem: „Wollen sie denn nicht über den Qur’an nachsinnen? Wäre er von einem andern als Allah, sie würden gewiss manchen Widerspruch darin finden.“ (4:83)

Allein dieser Vers würde eigentlich genügen, um die These der Abrogation zu entkräften. Denn die These von Abrogation fußt auf der Annahme, dass es zwischen zwei Versen des Heiligen Qur’an einen Widerspruch gäbe. Aber Allah spricht deutlich, dass es im Qur’an keinen Widerspruch geben kann, denn es ist eine göttliche Offenbarung. Vielmehr wird die Widerspruchslosigkeit des Qur’an als ein Beweis für seinen göttlichen Ursprung und Wahrhaftigkeit angegeben. Die Befürworter von nasḫ widersprechen aber mit ihren Thesen genau diesem Grundsatz des Heiligen Qur’an, denn zu glauben viele Verse des Qur’an seien widersprüchlich und nicht mehr gültig, ohne aber diese spezifisch zu nennen, eröffnet Tür und Tor des Zweifels über den Heiligen Qur’an. Wer legt nun fest, welche Verse abrogiert sind? Und wenn einige Gebote aufgehoben werden sollten, warum hat Gott diese dann erst offenbart? Dann ist unklar, worin der Sinn liegt, abrogierte Verse im Qur’an noch bestehen zu lassen und nicht gänzlich auszutilgen und auch keine göttliche Offenbarung zu senden, die jegliche Zweifel ausräumen und ein für alle Mal erklären würde, was nicht mehr gültig sei, damit die Gläubigen Zweifel und Unklarheiten vermeiden könnten.

Gott aber erklärt über den Heiligen Qur’an: „Aller Preis gehört Allah, Der zu Seinem Diener das Buch herabstandte und nichts Krummes darein legte.“ (18:2)

Und: „…den Qur’an auf Arabisch, ohne irgendwelche Krümme, auf dass sie rechtschaffen würden.“ (39:29)

Und: „Und verlies, was dir von dem Buche deines Herrn offenbart ward. Da ist keiner, der Seine Worte verändern könnte, und du wirst außer Ihm keine Zuflucht finden.“ (18:28)

Und: „Dies sind Verse des Qur’an und eines deutlichen Buches.“ (27:2)

Die Vorstellungen der Gelehrten über naksh variieren zudem. Einige erklären bis zu fünf und andere einige hundert Verse als abrogiert. Es scheint so, als würde man jeden Vers, den man nicht in der Lage ist zu verstehen, als abrogiert deklariert. Der Qur’an aber ist nach seiner eigenen Aussage unveränderbar, seine Verse erhaben über jeden Zweifel und ohne jeglichen Widerspruch. Daher ist die Vorstellung von einer Abrogation im Qur’an absurd und widerspricht den Aussagen des Qur’an selbst.

Lexikalische Bedeutung des Wortes nasḫ

In der heutigen islamischen Fachterminologie wird Abrogation nasḫ genannt. In den arabischen Lexika wird die Bedeutung von nasḫ wie folgt angegeben:

Lisān al-ʿarab: “Die Sonne abrogierte den Schatten d. h. der Schatten verging und ersetzte seien Platz.” oder “Der Wind abrogierte die Überreste des Hauses … er veränderte sie.” 9

Lane: „nasaḫa He transferred a thing from one place to another, it remaining the same; nasaḫa al-kitāb: He copied or transcribed the writing or book. nastansiḫ: We sat down or register, and preserve”.10

Hans Wehr: „nasaḫa tilgen; abschaffen; aufheben … ersetzen; abschreiben, kopieren.11

Älteste Erwähnung des nasḫ

Es bleibt bis heute unklar, wann sich eine Vorstellung von nasḫ – wie sie derzeit unter den Muslimen verbreitet ist – in der islamischen Theologie durchsetzte. Die ältesten Erwähnungen einiger Bücher zu diesem Thema tauchen erst im zweiten Jahrhundert der islamsichen Zeitrechnung auf, die Qatāda (gest. 736.) und ibn Kalbī (gest. 819) oder Zurhī (gest. 742) zugeschrieben werden. Abgesehen von der Tatsache, dass erst hundert Jahre nach dem Heiligen ProphetenSAW Werke über nasḫ auftauchen, bleibt es fraglich, ob diese Gelehrte tatsächlich die ihnen zugeschriebenen Bücher verfasst haben.12 Gesichert ist nur, dass Imam Šafi‘ (gest. 820) die Abrogationstheorie in seine Rechtstheorie aufnimmt und in seinem bekannten Werk ar-risāla ausführlich diskutiert.13 Dennoch gab es über diese Fragestellung keineswegs einen Konsens unter den Gelehrten. Unter nasḫ verstanden viele Gelehrte eher Spezifikation oder Ausnahme und nicht eine Abrogation, so z. B. die Gelehrten Ibn Wahb (gest. 812), Ibn Qassim al Jawziyya (gest. 1350) oder Mujahid b. Jabr (gest. 722).14

Der bekannte Gelehrte Shatibi gibt zwanzig Beispiele der Sahaba an, die das Wort nasḫ in viel allgemeinerer Bedeutung benutzten, als sie dem heu- tigen Verständnis entspricht. (Ebd) So benutzten Ibn AbbāsRA, Abī ad-Darda‘RA, ‚Ubada b. ṢamitRA und Ibn Mas’ūdRA das Wort im Sinne von Ausnahme und Spezifikation.15 16 Eine Einengung des Begriffs, wie wir sie in der zeitgenössischen Gelehrsamkeit kennen, bestand also in der Frühzeit des Islam nicht. Zudem gibt es weder im Qur’an noch im Hadith eindeutige Aussagen über ein Konzept des nasḫ. Einer der frühesten Gegner einer nasḫ-Theorie ist der bekannte mutazalitische Exeget Abū Muslim al-Iṣfahāni (gest. 934). Sein bekanntes Werk Jami‘ ut-Ta’wīl li-mahkam at-tanzīl ist leider nicht mehr vorhanden, wird aber extensiv in dem exegetischen Werk von ar-Razi (gest. 1209) zitiert. Er schrieb ebenfalls ein Werk über Abrogation unter dem Titel kitāb an-nāsikh wa mansūkh, das auch verloren gegangen ist. Hierin lehnt er eine Abrogation im Heiligen Qur’an kategorisch ab.

Referenzen:
1. Mubahatha Ludhiana, in: Ruhani Khazain, Band 4, Tilford 2009, S. 93.
2. Azala Auham, in: Ruhani Khazain, Bd. 4, Tilford 2009, S. 170.
3. Essenz des Islam, Verlag Der Islam, Frankfurt am Main 2016, S. 478.
4. Vgl. Review of Religions 1907.
5. Haqaiq ul Furqan, Bd. 1, Rabwah o. J., S. 216.
6. Jawāb-e Ši’a wa Rad-e Naskh, Qadian 1901, S.3.
7. Tafsir-e Kabir, Band 2, S. 98 f.
8. Tafsir-e Kabir, Band 6, S. 249.
9. Ibn Maẓūr, Ğamāl ad-Dīn Muḥammad b. Mukarram: Lisān al-ʿarab, [Hrsg.: al-mu’assasa al-maṣriyya al-‚āmma li-ta’līf wa-l-‚anbā‘ wa-n- našr], Kairo o. J., Band 4, S. 28.
10. Lane, E.Willian: New York 1956
11. Wehr, Hans: Arabisches Wörterbuch für
die Schriftsprache der Gegenwart, 5. Auflage, Wiesbaden 1998, S.1268.
12. Vgl. Fatoohi, Louay: Abrogation in the Quran and Islamic Law, Routledge 2013
13. Vgl. Safii, Muhammad ibn Idris: ar-Risala, o. O., 1938, S. 106 ff.
14. Vgl. Fatoohi, Louay: Abrogation in the Quran and Islamic Law, Routledge 2013, S.14.
15. Shatibi: Al-Muwafaqaat fi Usool al-Sharia, Dar Al-Kotob Al-Ilmiyah, Beirut 2004, S.532 ff.
16. Ebd. S.535.


1 Kommentar

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  • Assalam-o-aleikum

    Sehr gut dargelegt, dass der Quran so besteht wie damals.
    Ich würde mich freuen falls man einen Artikel über die Emanzipation der Frau erscheinen würde.
    Das Layout sollte leserfreundlicher gestaltet werden.