Gesellschaft

Goethes Verhältnis zum Islam: Das Gute sehen – auf mancherlei Weise angenehm

Deutsche Dichter und Denker schielten nicht selten auf die Schönheiten des Islam.

von Khola Maryam Hübsch

Sicherlich lässt selbst Goethe sich nicht für den Islam vereinnahmen, die beeindruckende Spannbreite seines Denkens ist ohnehin nur schwerlich einer bestimmten Weltanschauung zuzuordnen. Und gerade das zeichnet Goethe aus: Er hat die Weitsicht eines brückenschaffenden Freigeistes und sieht sich in der »Rolle eines Handelsmannes, der seine Waren gefällig auslegt und sie auf mancherlei Weise angenehm zu machen sucht«, wie Goethe in seinen »Noten und Abhandlungen« zum »West‐östlichen Divan« erklärt.

Goethe hatte kaum persönliche Erfahrungen mit Muslimen und doch versuchte er sich inhaltlich mit dem Islam zu beschäftigen, jenseits der einflussreichen, islamfeindlichen Paradigmen, die sich schon seit den Kreuzzügen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hatten und auch nach der Aufklärung bestehen blieben. Dies ist umso beachtenswerter, als beispielsweise das Meinungsforschungsinstitut Emnid in einer repräsentativen Umfrage zum Islam feststellte, dass die Deutschen viel intoleranter gegenüber dem Islam sind, als ihre westeuropäischen Nachbarn und als Hauptursache die geringe Kontakthäufigkeit mit Muslimen ansieht.

Der Islam als Prototyp für das Fremde taugt damals wie heute nur, wenn er fremd bleibt und somit zugänglich für alle möglichen Formen der Projektionen und Diffamierungen. Setzt man sich aber mit den Quellen des Islam auseinander, kommt man womöglich zu einem differenzierteren Bild.

Der Qur’an-Vers »In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben« (Sure 2, Vers 257) beziehe sich nur darauf, dass der Gläubige seinen religiösen Pflichten freiwillig nachkommen soll, meinen Islamkritiker. Doch wie erklären sie die so massiv einschränkende Interpretation dieses Verses?

Dass man sich bei der Deutung des Islam ausgerechnet an jener buchstabengläubigen Lesart orientiert, die schon Goethe im Divan kritisierte, ist besonders perfide. Man sollte wissen, dass eine große Zahl islamischer Gelehrter diesen Vers als Beleg für die Verankerung der Glaubensfreiheit im Islam anführt. Wird aber im Zweifel die rigide und regressive Auslegung gewählt, um den Islam dem Wesen nach als ursächlich problematisch erscheinen zu lassen, dann trägt man genau dazu bei. Doch man kann ihn anders sehen, wenn man von einer eindimensionalen Betrachtung Abstand nimmt und den Qur’an ganzheitlich rezipiert.

Heißt es im Qur’an nicht auch:

»Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden?« (Sure 10, Vers 100)

Es kommt demnach einer ungeheuerlich anmaßenden Hybris gleich, wenn ein Mensch meint, einem anderen Menschen einen Glauben aufzwingen zu dürfen.

Und nur einen Vers später lautet es, Gott sende seinen »Zorn über jene, die ihre Vernunft nicht gebrauchen«. Es ist dieses rationale Element der islamischen Religion, das sich in nahezu einem Achtel des Buches niederschlägt, indem der Mensch in unzähligen Qur’an-Versen dazu aufgefordert wird, seine Vernunft zu gebrauchen, nachzudenken und die Natur zu studieren. Das ist, was Goethe wie Lessing fasziniert hat, obgleich es von vielen Muslimen heutzutage nicht mehr beachtet wird. 

Wenn Kritiker jedoch meinen, Goethe habe von der Himmelsreise des Propheten geschwärmt, dann verkennen sie, dass Goethe sich nicht für einen einfältigen Wunderglauben begeistern ließ. Im Gegenteil fühlte er sich, wie auch der große Denker der Aufklärung, Lessing, gerade deswegen vom Islam angesprochen, weil er ihm als besonders rationale, vernünftige Religion erschien – auch wenn er abergläubische Tendenzen aus dem traditionellen Volksislam, wie die buchstäbliche Interpretation der Himmelsreise, kannte. Der West‐östliche Divan ist auch insofern west‐östlich, als dass Goethe sowohl muslimische als auch christliche Eiferer und ihre »spitzfindigen Subtilitäten« sowie die sich darin manifestierende Vernunftfeindlichkeit kritisiert.

Lessing ging sogar so weit, den Islam zur Kritik an der orthodoxen Dogmatik des Christentums seiner Zeit zu instrumentalisieren, wobei er vor allem die Toleranz im Islam betonte. Im europäischen Islambild heute gilt die Intoleranz geradezu als islaminhärent. Goethe wie Lessing haben jedoch das Gute im Islam gesehen und wussten vermutlich, dass der Qur’an auch Juden, Christen und Andersgläubigen das Paradies verspricht, wenn sie Gutes tun (vgl. Sure 2, Vers 63).

Und doch parodiert Goethe ironisch die ihm damals bekannten Paradiesvorstellungen der Muslime als realitätsfern und entlarvt sich damit als Kind seiner Zeit. Das westliche Islambild war geprägt von der Vorstellung einer sensualistisch‐üppigen Welt odaliskenreicher Harems. Es diente als Projektionsfläche für die eigenen nicht erfüllbaren erotischen Sehnsüchte und Wünsche. Heute ist das Gegenteil der Fall. Der Islam gilt als lust‐ und sinnesfeindlich, was deutlich werden lässt, dass es nicht nur das Verhalten der Muslime selbst ist, sondern auch die Veränderung des Selbstbildes westlicher Gesellschaften, die das Fremdbild formt.

Auch im Islam gibt es eine Entmythologisierung und der Qur’an spricht über das Paradies in »Gleichnissen« (vgl. Sure 17, Vers 90). Es handelt sich dabei um einen immateriellen Ort, der anhand von Metaphern veranschaulicht wird. Vorurteile, wie jenes, dass die Frau im Islam keine Seele hätte, die später durch Karl May weit verbreitet wurden, sind ebenso haltlos, wie die Behauptung, das Paradies im Islam sei nur für Männer. Sogar bei einer buchstabengetreuen wörtlichen Betrachtung gibt es genügend Verse, die dies widerlegen: »Allah hat den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen Gärten verheißen, die von Strömen durchflossen werden, immerdar darin zu weilen, und herrliche Wohnstätten in den Gärten der Ewigkeit. Allahs Wohlgefallen aber ist das Größte. Das ist die höchste Glückseligkeit.« (Sure 9, Vers 72) Und es ist ebenso von Gefährten und Jünglingen die Rede, wie von Gefährtinnen und Jungfrauen. Wer anderes postuliert, hat entweder den Qur’an nie gelesen oder bedient sich eines Buchstabenpositivismus, der dem Geist der Aussagen nicht gerecht wird.

Ja, Goethe hat vom Islam viel mehr verstanden, als so mancher islamische Gelehrte der heutigen Zeit und mehr als so manche Islamkritiker. Seine lebenslange Beschäftigung mit dem Islam (als 23-Jähriger schrieb er sein Loblied auf den Propheten Muhammad, als 70‐Jähriger verfasste er seinen Divan) hat damit zu tun, dass er den Kern der islamischen Spiritualität verstanden hatte. Wenn er dichtete: »Närrisch, dass jeder in seinem Falle / Seine besondere Meinung preist! / Wenn Islam Gott ergeben heißt, / Im Islam leben und sterben wir alle«, dann meinte er damit allerdings eben nicht einen institutionalisierten Islam, sondern die eigentliche Bedeutung des Begriffes »Islam« als »Frieden finden durch Hingabe an Gott«.

Eines seiner berühmtesten Gedichte aus dem Divan und gleichzeitig eines der Gedichte mit dem tiefsten Gehalt überhaupt in der deutschsprachigen Literatur, die »Selige Sehnsucht«, ist durchtränkt vom sufistisch‐mystischen Gedanken der Unio mystica, der Auflösung der Seele im Licht des Schöpfers. Das »Stirb und Werde« erinnert nicht zufällig an die Sufi‐Weisheit »Sterbt bevor ihr sterbet« bzw. an den qur’anischen Vers »Tötet euch selbst« (Sure 4, Vers 67). Jedem vernunftbegabten Menschen ist verständlich, dass dieser Vers genauso wenig wie die Beschreibungen des Paradieses buchstäblich verstanden werden kann, auch wenn einige verblendete Selbstmordattentäter dies so sehen mögen. Es geht hier vielmehr um den »großen Jihad«, der Kampf gegen das Ego, der Ich‐Tod und darum, uneigennützig Gutes zu tun.

Goethe, Lessing und auch Heine hegten den innigsten Wunsch, dass der Mensch das Gute tun möge, weil es das Gute ist. Lessing beschreibt die »Uneigennützigkeit« und die völlige »Reinheit des Herzens« als Ziel, das dadurch erlangt wird, dass der Mensch die »innere Belohnung der Tugend« als Motivation für sein Handeln übernimmt. 

Auch Goethe schildert in seinem Divan im »Buch der Betrachtungen« die »Wonne des Gebens« und fordert »Gutes tu rein aus des Guten Liebe«. Und sogar der eher hedonistisch orientierte Heine fordert in einem Brief: »Alle unsere Handlungen sollen aus dem Quell einer uneigennützigen Liebe hervorsprudeln« und berichtet anschließend von der berühmten islamischen Mystikerin Rabia al-Adawiyya aus Basra, die zu Allah betete: »O Allah, wenn ich Dich aus Furcht vor der Hölle verehren sollte, dann verbrenn mich in der Hölle, und wenn ich Dich in Hoffnung auf das Paradies verehren sollte, dann schließe mich aus dem Paradies aus; aber wenn ich Dich um Deiner eigenen Selbst Willen verehre, dann verbirg vor mir nicht Deine immerwährende Schönheit«. 

Jenseits von Körperlichkeit oder der Geschlechtszugehörigkeit geht es dem Islam um diesen Weg nach innen, ein Weg der Selbstkritik und der Arbeit an der Seele. Und doch ist der Islam nicht realitätsfern. »Trink, was in dem Glas ist«, sagte der große islamische Mystiker Rumi. Es geht um das Innere, doch um zur Perle zu werden, bedarf es der Muschel. Gebote, dem Geist nach befolgt, sind hilfreich. 

Wenn den frühen Muslimen nach 13 Jahren Verfolgung und Auswanderung geboten wurde, sich mit dem Schwert gegen die Angreifer zu verteidigen, scheint dies vernünftig. Und wenn anschließend Gott und sein Prophet auf Rache verzichten und Gnade vor Recht ergehen lassen, dann zeugt dies von Erhabenheit und Größe. 

Über die Autorin: Khola Maryam Hübsch ist eine freie Journalistin und Publizistin. Sie hält Fach- und Publikumsvorträge zum Thema Islam.

Dieser Beitrag erschien am 20.01.2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2023 modifiziert von Die Revue der Religionen

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