Islam Muharram

Kerbela – Ein Wendepunkt in der Geschichte

In der islamischen Geschichte gibt es unzählige Vorfälle von solch großer Trauer, die von keinem Muslim jemals vergessen werden können. Obwohl so viele Jahre verstrichen sind, können die Schmerzen nicht vermindert werden. Eines der Zeichen einer erfolgreichen und wohlhabenden Nation ist, dass sie sich selbst in Zeiten des Wohlstands und der Opulenz immer wieder an […]

In der islamischen Geschichte gibt es unzählige Vorfälle von solch großer Trauer, die von keinem Muslim jemals vergessen werden können. Obwohl so viele Jahre verstrichen sind, können die Schmerzen nicht vermindert werden. Eines der Zeichen einer erfolgreichen und wohlhabenden Nation ist, dass sie sich selbst in Zeiten des Wohlstands und der Opulenz immer wieder an ihre dunklen Tage erinnert. So fühlen auch heute noch diejenigen, die den Heiligen Propheten MuhammadSAW wirklich lieben, den großen Schmerz seines traurigen Todes und des Martyriums seiner Gefährten und Kalifen.

Noch heute blutet das Herz eines Muslims, und seine Augen werden tränenreich beim Lesen der schrecklichen Berichte über die Verfolgung, der die Gefährten des Heiligen ProphetenSAW ausgesetzt waren. Doch gerade diese Berichte von großen Opfern eröffnen neue Wege und setzen neue Ziele für die künftigen Generationen. Einer dieser Vorfälle fand im ersten Jahrhundert des Islam in Kerbela im Irak statt.

Kerbela im heutigen Irak.

Kerbela
Vor dem Jahr 61 vor Hidschra war Kerbela nicht mehr als ein unfruchtbares Land, das im Irak am Fluss Euphrat liegt. Ungefähr 100 Kilometer von Bagdad entfernt, ist es heute eine Stadt, die dicht besiedelt ist und jedes Jahr findet sie besondere Erwähnung im heiligen Monat Muharram des islamischen Kalenders. Die Bedeutung dieser Stadt ist auf das Martyrium von Hadhrat Imam HussainRA und seinen Gefährten in Kerbela zurückzuführen, wo sich auch ihre Gräber befinden.

Hadhrat Imam HussainRA
Hadhrat Imam HussainRA war der Sohn von Hadhrat AliRA und Hadhrat FatimahRA. Hadhrat AliRA war der vierte rechtgeleitete Kalif nach dem Heiligen ProphetenSAW und Hadhrat FatimahRA war die Tochter des Heiligen ProphetenSAW. Zu HussainsRA Geburt rezitierte der Heilige ProphetSAW die Worte des aḍān (Ruf zum Gebet) in seinem rechten Ohr und das iqāma (verkürztes aḍān, das auf den Beginn des Gemeinschaftsgebets hinweist) in seinem linken Ohr (dies ist ein islamischer Brauch, der auch heute noch von Muslimen fortgeführt wird). Er hatte auch die Ehre, dass der Heilige ProphetSAW ihm seinen gesegneten Speichel als Erstnahrung gewährte, ihm den Namen »Hussain« gab, sein ʿaqīqa (ein islamisches Ritual, bei dem zur Geburt eines Kindes ein Tier geopfert wird) am siebten Tag durchführte, sein Haupthaar rasierte und Silber im Gewicht seines Haares für wohltätige Zwecke gab. Zudem opferte er einige Widder. Sein Titel war Abu Abdullah.1

Der Heilige ProphetSAW pflegte große Liebe zu seinen beiden Enkeln HassanRA und HussainRA. Hadhrat AnasRA, ein hingebungsvoller Diener des Heiligen ProphetenSAW, sagte, dass der Heilige ProphetSAW sie unter seinen Familienmitgliedern am meisten liebte. Er pflegte oft zu ihnen nach Hause zu gehen, um sie zu besuchen. Er würde ihr kindisches Verhalten sehr genießen, sie küssen und sie in seine Arme einschließen. Manchmal führte der Heilige ProphetSAW sie mit sich zur Masǧid-e nabawi (die Moschee des Propheten in Medina), und während er sich im Zustand der Niederwerfung befand, würden sie auf seinen Rücken krabbeln. Eines Tages betrat Hadhrat Imam HussainRA die Moschee, während der Heilige ProphetSAW seine Freitagsansprache hielt. Als er ihn erblickte, stieg der Heilige ProphetSAW sofort von der Kanzel, hob ihn hoch und hielt ihn an seine Brust. Der Heilige ProphetSAW betete oft für sie: »O Allah, ich liebe sie sehr, möge auch Du sie mit Liebe und Zuneigung behandeln.«2

Ein anderes Mal sagte er: »Hussain ist von mir und ich bin von Hussain, möge Allah diejenigen lieben, die Hussain lieben.«3 Hadhrat AbdullahRA berichtet, dass der Heilige ProphetSAW sagte: »Hassan und Hussain werden die Führer der Jugend im Paradies sein.«4 

Hadhrat Imam HussainRA war hochgelehrt, barmherzig und eloquent. An Almosen, Gebeten und dem tahajjud (Gebet vor der Morgendämmerung) beteiligte er sicher sehr hingebungsvoll. Laut Hadhrat AnasRA ähnelten sowohl Imam HassanRA als auch Imam HussainRA dem Heiligen ProphetenSAW mehr als jeder andere.5 Der Heilige ProphetSAW pflegte oft zu sagen, dass sowohl Hassan als auch Hussain wie der feinste Duft der Welt seien.6 Hadhrat Imam HussainRA wurde die Ehre zuteil, ungefähr sieben Jahre unter der Liebe und Obhut des Heiligen ProphetenSAW zu verweilen. Nach dem Ableben des Heiligen ProphetenSAW behandelten Hadhrat Abu Bakr SiddiqRA und Hadhrat UmarRA (der erste bzw. zweite rechtgeleitete Kalif des Heiligen ProphetenSAW) Hadhrat Imam HussainRA mit größter Fürsorge und waren sich seiner engen Beziehung mit dem Heiligen ProphetenSAW bewusst. Während der Ära des Kalifats von Hadhrat UsmanRA, war Hadhrat Imam HussainRA zu einem jungen Mann herangewachsen und es war in seiner Ära, dass er zum ersten Mal am Jihad (dem Streben auf dem Weg Allahs) teilnahm. Er war ein Teil der islamischen Armee, die 31 nach Hidschra Richtung Tibristan aufbrach. Zu Beginn der Rebellion gegen Hadhrat UsmanRA wurden sowohl Imam HassanRA als auch Imam HussainRA von Hadhrat AliRA beauftragt, dessen belagertes Haus zu bewachen, damit keiner der Rebellen eintreten konnte.7

Einführung bestimmter Namen
Bevor die Details des Ereignisses erwähnt werden, das zum Martyrium von Hadhrat Imam HussainRA führte, sei es angebracht, einige Schlüsselfiguren in Bezug auf diesen Vorfall kurz vorzustellen. Die Mehrheit stammte von den Nachkommen von Abd Manaf und Abd Shams. Hashim war einer der Söhne von Abd Manaf und Abdul Muttalib war der Sohn von Hashim. Einer der Söhne von Abdul Muttalib war Abdullah, der Vater des Heiligen Propheten MuhammadSAW. Abdul Muttalibs anderer Sohn war Abu Talib. Hadhrat AliRA und sein Bruder Hadhrat AqeelRA waren die Söhne von Abu Talib. Abd Manafs anderer Sohn war Abd Shams, dessen Sohn Ummaiyah war. Abu Sufyan war Ummaiyahs Sohn und der Vater von Hadhrat MuawiyahRA. Von Bedeutung ist auch Yazid, der Sohn von Hadhrat MuawiyahRA.

Hintergrund zum Vorfall von Kerbela
Nach dem Martyrium von Hadhrat AliRA in 40 Hidschra leisteten mehr als 20.000 Menschen Hadhrat HassanRA das Treuegelübde (Baiʿat). Hadhrat HassanRA verzichtete jedoch zugunsten von Hadhrat MuawiyahRA auf diesen Titel, um mögliches Blutvergießen zu vermeiden, zu dem es zwischen den Muslimen als Folge des Streits zwischen den beiden gekommen wäre. Hadhrat MuawiyahRA nahm zu seinen Lebzeiten von allen seinen Statthaltern und Beamten das Treuegelübde ab, dass sein Sohn Yazid zu seinem Nachfolger ernannt wird. Nach Hadhrat MuawiyahsRA Tod in 60 Hidschra übernahm Yazid gemäß der beschlossenen Vereinbarung die Führung und wies die Muslime an, ihm das Treuegelübde zu leisten und ihm Gehorsam und Loyalität zu schwören. Ein Großteil der Muslime leistete Yazids das Baiʿat, aber einige prominente und ältere Gefährten des Heiligen ProphetenSAW lehnten die Ernennungsmethode ab und weigerten sich. Unter ihnen waren Hadhrat Imam HussainRA, Hadhrat Abdullah bin UmarRA und Hadhrat Abdullah bin ZubairRA. Als der Gouverneur von Medina darauf beharrte, Yazid das Baiʿat zu leisten, verließ Hadhrat Imam HussainRA mit seiner Familie die Stadt und ging nach Mekka und zog sich in Shi’b Abi Talib zurück. Als die Menschen aus Kufa der Entscheidung von Hadhrat Imam HussainRA gewahr wurden, Yazid nicht das Baiʿat zu leisten, schrieben sie ihm unmittelbar Briefe, worin sie ihm nach Kufa einluden, damit sie ihn zu ihrem Amir und Kalifen ernennen könnten. Hadhrat Imam HussainRA sandte Hadhrat Muslim bin AqeelRA, um die Lage in Kufa zu erkunden. Bei seiner Ankunft in Kufa wurde Hadhrat Muslim bin AqeelRA freudig empfangen, worauf er Hadhrat Imam HussainRA zurückschrieb und ihn darauf drängte, nach Kufa zu kommen.

In Kufa geriet die Situation außer Kontrolle und schließlich wurde auch Muslim bin AqeelRA verhaftet und auf sehr grausame Weise zu Tode gefoltert. Danach wurden diejenigen aufgesucht und getötet, die Hadhrat Imam HussainRA gegenüber loyal waren. Hadhrat Imam HussainRA, der sich der dramatischen Veränderung der Umstände nicht bewusst war, befand sich bereits auf dem Weg nach Kufa. Als er Tha’lbiya erreicht hatte, erfuhr er von dem Martyrium von Hadhrat Muslim bin AqeelRA und verstand die Ernsthaftigkeit der Lage. Die Berater rieten ihm an, umzukehren und nicht nach Kufa weiterzugehen, da es dort keine Unterstützung mehr für ihn gab. Auf der Reise schlossen sich verschiedene Befürworter von Hadhrat Imam HussainRA ihm auf dem Weg an. Nach einiger Entfernung erhielt Hadhrat Imam HussainRA weitere Nachrichten über das Martyrium seiner Anhänger und der sich ändernden Umstände. Er stoppte an einem Ort und wandte sich an seine Leute, wenn jemand gehen möchte, dies tun könne. Als sie dies hörten, zerstreuten sich viele von denen, die sich ihm auf dem Weg angeschlossen hatten, und ließen meist diejenigen zurück, die ursprünglich die Reise von Mekka aus angetreten hatten. Die meisten Menschen in dieser Gruppe waren die Ahl-e baiʿat (Familie des Heiligen ProphetenSAW) und die GefährtenRA des Heiligen ProphetenSAW.

Als Hadhrat Imam HussainRA und seine Karawane Ashraaf erreichten, hatte der heilige Monat Muharram bereits begonnen. Hur bin Yazid mit einer eintausend Mann starken Armee hatte Hadhrat Imam HussainRA und seine Karawane umzingelt. Hadhrat Imam HussainRA erzählte ihnen, dass er nach Kufa nur auf Bitten der Bewohner gekommen sei und ihnen auch die Briefe zeigte, die die Bewohner ihm geschrieben hatten. Hur antwortete, dass sie sich nicht um die Briefe kümmern würden. Hadhrat Imam HussainRA wandte sich an die Armee und sagte, wenn sich ihre Meinung ändern würde, würde er zurückkehren. Hur antwortete jedoch, dass er befohlen worden sei, sie nicht zurückkehren zu lassen. Am zweiten Muharram kam ein Bote von Ibn Ziad (dem Amir von Basra) zu Hur und wies ihn an, Hadhrat Imam HussainRA zu umzingeln und sie auf ein Stück unfruchtbares Land zu bringen, wo es weder Wasser noch eine Festung geben würde. Daher wurde beschlossen, Hadhrat Imam HussainRA und seine Gefährten nach Kerbela zu bringen. Am dritten Muharram kam auch Umar bin S’ad mit einer 4.000 Mann starken Armee aus Kufa an und erhielt den Befehl, Hadhrat Imam HussainRA und seine Gefährten dazu zu bringen, das baiʿat von Yazid zu nehmen und sich später mit anderen Angelegenheiten zu befassen. Nach einigen Tagen wurde ein weiterer Befehl erteilt, Hadhrat Imam HussainRA und seinen Gefährten den Zugang zum Wasser von Euphrat zu verwehren. Damit waren die Begleiter von Hadhrat Imam HussainRA einer Reihe von Qualen durch die viel größere Armee ausgesetzt.

Aschura
Am Aschura, dem 10. Muharram, bezog bei Sonnenaufgang die Armee von Hadhrat Imam HussainRA Stellung gegen die Armee von Yazid. Der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit stand kurz bevor und die 72 ergebenen Begleiter von Hadhrat Imam HussainRA waren bereit für den Kampf gegen eine 4.000 Mann starke Armee. Als der Kampf begann, erhielten die tapferen und mutigen Krieger einen Segen von Hadhrat Imam HussainRA und einer nach dem anderen betrat das Schlachtfeld. Erschöpft von ihrer langen Reise und voller Durst erlitten diese Löwen, die so furchtlos gekämpft und großen Mut bewiesen hatten, schließlich Märtyrertod und nun waren die Familienmitglieder des Heiligen ProphetenSAW an der Reihe. Als der Sohn von Hadhrat Imam HussainRA, Ali Akbar, das Gefechtsfeld betrat, wurde er von den Feinden in Stücke gerissen und danach wurden die Mitglieder der ahl-e baiʿat gemartert. Nach Ali Akbar waren es Abdullah, Abdur Rehman, Qasim, der Sohn von Hadhrat Imam HassanRA und seine Brüder Abu Bakr, Ja’far, Usman und Abbas, die gemartert wurden.

Märtyrertod von Hadhrat Imam HussainRA
Es wird berichtet, dass als der Feind die Armee von Hadhrat Imam HussainRA besiegte, wandte er sich mit seinem Pferd dem Fluss Euphrat. Die Armee blockierte Hadhrat Imam HussainRA den Weg und hinderte ihn daran, zum Fluss zu gelangen. Die gleiche Person warf dann einen Speer, der Hadhrat Imam HussainRA ins Gesicht traf und sein Kinn durchdrang. Danach fiel von allen Seiten ein Regen von Schwertern auf ihn, bis er von Sanaan bin Anas mit dem Speer ins Gesicht geschlagen wurde. Dieser trat dann hervor und schnitt Hadhrat Imam HussainRA den Kopf ab, der einst von den gesegneten Lippen des Heiligen ProphetenSAW geküsst worden war. In Bezug auf Hadhrat Imam Hussains Zustand im Krieg heißt es, dass er einen Turban trug und in die feindlichen Reihen marschierte, als wäre er ein Ritter des Zorns. Vor seinem Märtyrertod erklärte er:
»Bei Gott, nach mir werdet ihr niemanden töten, dessen Tod den Unmut Gottes mehr hervorrufen würde als mein Tod. Bei Gott, ich hoffe, dass Gott euch erniedrigen wird und mich ehren wird. Dann wird Er meinen Tod an euch rächen, so dass ihr erstaunt sein werdet. Bei Gott, wenn ihr mich tötet, wird Gott einen Krieg unter euch ausbrechen lassen. Euer Blut wird vergossen werden und selbst dann wird Er nicht zufrieden sein und die Strafe vervielfachen.«

Nach dem Märtyrertod von Hadhrat Imam HussainRA zog der Feind dann in das Lager von Hadhrat Imam HussainRA und begann, zu plündern und entfernte sogar die Schleier der Frauen. Umar bin Sa’d kündigte daraufhin, den Körper von Hadhrat Imam HussainRA mit ihren Pferden zu zertrampeln. Als sie dies hörten, kamen zehn Reiter hervor und zerstampften den Körper von Hadhrat Imam HussainRA, so dass seine Brust und sein Rücken vollständig zerquetscht wurden. Infolge dieser Schlacht erlitt Hadhrat Imam HussainRA 45 Wunden an seinem Körper; einer anderen Erzählung zufolge wurden 33 Wunden durch Speere und 43 Wunden durch Schwerter zusätzlich zu den durch die Pfeile verursachten Wunden zugefügt. Es blieb nicht nur dabei, sogar sein Kopf wurde abgeschnitten und zum Gouverneur von Kufa gebracht.8

Gottes Rache
Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS (der Verheißene Messias) sagt: »Yazid der Unreine hat diese Ungerechtigkeit gegen den Enkel des Heiligen ProphetenSAW begangen, aber Gott hat seinen Zorn schnell über sie gebracht.«9 

Obwohl Yazid und seine Anhänger von Gott dem Allmächtigen bestraft wurden, bestand eine andere Form der Bestrafung Gottes darin, dass die Nachkommen derer, die gesündigt hatten, die Fehler ihrer Vorfahren akzeptieren und zugaben. Genau dies traf auf Yazid zu. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, (der Verheißene Sohn und der zweite Nachfolger und weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat) schreibt in seinem Buch ḫilāfat-e rāšida:
»Die Zustimmung anderer zum Kalifat von Yazid ist nicht der Rede wert, selbst sein eigener Sohn stimmte dem nicht zu. Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung zog er sich zurück und gab den Thron auf. Es handelt sich hierbei um ein bekanntes historisches Ereignis, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum muslimische Historiker es nicht hervorgehoben haben. Sie hätten es oft wiederholen müssen, weil es ein klarer Beweis für die Gräueltaten von Yazid ist. Es wird berichtet, dass Yazids Sohn, der nach seinem Großvater auch Muawiyah genannt wurde, nach dessen Tod den Thron bestieg und nach Hause kehrte, nachdem er von den Menschen das Baiʿat genommen hatte. Er kam vierzig Tage nicht heraus. Als er herauskam, stieg er auf die Kanzel und wandte sich an die Leute, dass er nicht deswegen von ihnen das Baiʿat genommen habe, weil er dazu eher berechtigt war, sondern weil er keine Zwietracht unter ihnen säen wollte. Er meditierte fortwährend in seinem Haus, um eine Person zu finden, die mehr dazu berechtigt war, das Baiʿat des Volkes zu nehmen, sodass er durch Übertragung auf eine andere Person von der Herrschaft entbunden wird. Aber trotz seiner großen Anstrengungen fand er keine solche Person. Deshalb sagte er: »Leute, hört genau zu, dass ich für dieses Amt nicht geeignet bin. Ich möchte euch auch sagen, dass mein Vater und Großvater auch keinen Anspruch auf dieses Amt hatten. Mein Vater war HussainRA unterlegen und sein Vater war dem Vater von HassanRA und HussainRA unterlegen. Hadhrat AliRA hatte zu seiner Zeit mehr Anspruch auf das Kalifat als mein Großvater, und danach waren HassanRA und HussainRA würdiger als mein Vater. Deshalb ziehe ich mich aus dieser Herrschaft zurück, und ihr könnt das Baiʿat einer Person eurer Wahl nehmen.«10

Was war denn die Absicht von Hadhrat Imam HussainRA?
Hadhrat Imam HussainRA hatte nicht den Wunsch, irgendeine Macht oder Regierung für sich selbst zu erwerben, sondern wollte eher der monarchischen Herrschaft ein Ende setzen, die die Menschen dazu zwang, im Namen des Kalifats die Treue zu schwören. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS (der Verheißene Messias) schreibt an einer Stelle: »…Hadhrat Imam HussainRA wollte nicht das Baiʿat auf die Hände eines Übertreters ablegen, ansonsten wäre dadurch die Religion diskreditiert worden.«11 

Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA (der fünfte Nachfolger und weltweites Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat) erklärte in seiner Freitagsansprache vom 10. Dezember 2010:
»Hadhrat Imam HussainRA verfolgte nur einen Zweck; er wollte keine Macht, sondern die Wahrheit herstellen und das ist es, was er tat. Hadhrat Musleh Mau’udRA [Mirza Bashiruddin Mahmud Ahmad, der zweite Nachfolger des Verheißenen MessiasAS] hat eine schöne Erklärung gegeben, dass Hadhrat Imam HussainRA seinen Standpunkt für das Prinzip bezog; das heißt, dass die Menschen eines Landes bzw. die gesamte Gemeinschaft das Recht auf die Wahl eines Kalifen hat. Ein Sohn kann dieses Recht nicht von seinem Vater erben, und dieses Prinzip hat heute dieselbe Bedeutung wie damals. In der Tat hat der Märtyrertod von Hadhrat Imam HussainRA dieses Recht bedeutsamer gemacht. Daher war es Hadhrat Imam HussainRA, der mit Erfolg gekrönt wurde und nicht Yazid.«

Hadhrat Imam HussainRA hatte nicht die Absicht zu kämpfen oder irgendein Blutvergießen zu verursachen und seine permanente Erklärung, dass er sich davon distanziere, den Kampf einzuleiten, ist ein starkes Argument für seine Absichten. Seine Heiligkeit sagt weiter:
»Obwohl er sich weigerte, das Baiʿat zu leisten, versuchte Hadhrat Imam HussainRA ständig Versöhnung anzustreben und als er die Gefahr des muslimischen Blutvergießens erkannte, sagte er ihnen, dass sie zurückgehen sollten, sodass diejenigen, die gehen könnten, gehen sollten. Diejenigen, die darauf bestanden, bei ihm zu bleiben, waren ungefähr 30 bis 40 Leute und auch seine Familienmitglieder blieben bei ihm. Ferner sagte er den Vertretern von Yazid, dass er nicht kämpfen wolle und dass sie ihn gehen lassen sollten, damit er weitergehen könne und Gott anbeten könne oder sich am Jihad beteiligen könne und auf dem Weg des Islam den Märtyrertod erleiden könne. Oder sie sollten ihn zu Yazid bringen, damit er ihm die Realität des Sachverhalts schildern könne. Die Vertreter jedoch hörten auf kein einziges Wort von ihm.«

Wie sollte dem heilige Monat Muharram gedacht werden?
Hadhrat Imam HussainRA war äußerst fromm und edlen Charakters und jeder sollte versuchen, seinem Beispiel zu folgen. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS (der Verheißene Messias) hat gesagt:
»Hussain war ein frommer Mann und gehörte sicherlich zu jenen edlen Menschen, die Gott der Allmächtige selbst läutert und sie mit Seiner Liebe füllt und gehört zu den Führern des Paradieses. Auch nur den geringsten Groll gegen ihn hegen, kann den eigenen Glauben gefährden. Seine Rechtschaffenheit, Liebe zu Gott, Geduld, Frömmigkeit und Anbetung ist ein perfektes Vorbild für uns und wir sind die Anhänger jener Führung, die ihm gewährt wurde. Ein solches Herz ist völlig zuschanden, das ihm Feindschaft entgegenbringt, aber eines, das durch seine Handlungen Liebe für ihn zeigt und den Pfad seines Glaubens, seiner Moral, seiner Tapferkeit, seiner Rechtschaffenheit, seiner Geduld und seiner Liebe zu Gott perfekt befolgt, wird sicherlich erfolgreich sein.«12

Wir sollten Liebe zeigen und in die Fußstapfen des Heiligen ProphetenSAW treten. Das ist der richtige Weg, um sich an ihn zu erinnern und Dankbarkeit für all das zu zeigen, was er tat.
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Was ist die richtige Art der Erinnerung an den Märtyrertod von Hadhrat Imam HussainRA
Hierzu schreibt Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS (der Verheißene Messias):
»…die Propheten und rechtschaffene Menschen zu lieben ist nur Wunschdenken, solange man nicht ihre Eigenschaften übernimmt.«13 

Der beste Weg, sich an Muharram zu erinnern, ist also, dass man danach streben sollte, den Charakter von HussainRA und alle seine Qualitäten übernehmen. Hierzu bedarf es einer ständigen Anstrengung, die sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA erklärte in seiner Freitagsansprache vom 10. Dezember 2012, welchen Aktivitäten ein Muslim in diesen Tagen nachgehen sollte. Er sagte, dass man durūd šarīf (Segensgebete auf den Heiligen ProphetenSAW und auf seine physische und spirituelle Nachkommenschaft) rezitieren sollte, da dies der beste Weg ist, um seine Gefühle über den Vorfall von Kerbela zum Ausdruck zu bringen und die Schmerzen zu lindern. Durūd ist auch ein Trostspender für die physischen und spirituellen Nachkommen des Heiligen ProphetenSAW. Es ist der beste Weg, seine Liebe zu den Geliebten des Heiligen ProphetenSAW zu zeigen. Möge Gott, der Allmächtige, es uns ermöglichen, so viel durūd wie möglich auszusprechen und möge dieser durūd sich auch für uns als eine Segensquelle erweisen. Möge Gott, der Allmächtige, es uns ermöglichen, die Nachkommenschaft des Heiligen ProphetenSAW stets zu lieben und durūd auszusprechen.«

Referenzen:
1. Sīratu ṣ-ṣahāba, Bd. 6 (Lahore: Idāra islāmiyāt), S. 146 f.
2. Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Kitābu l-faḍā’il
3. Sunan at-Tirmiḍhi, Kitābu l-Munāfiq, Hadith Nr. 3775
4. Al-Mustadriku l-ḥākim, Kitābu l-maʿrifa aṣhāb wa-min munāqibi l-ḥasan wa l-ḥusain, Hadith Nr. 4840
5. Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Kitābu l-faḍā’il
6. Ṣaḥīḥu l-buḫārī, Kitābu l-faḍā’il 
7. Jalal-ud-Din Suyuti, Tārīḫu l-ḫulafā’
8. Tārīḫu t-ṭabarī, Bd. 6, (Beirut: Dāru l-fikr, 2002), S. 243-250
9. Hadhrat Mirza Bashir AhmadRA, Sīrat-e ṭayyiba, S. 36-37
10. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud AhmadRA, Ḫilāfat-e rāšida, Anwāru l-ʿulūm, Bd. 15, S. 557-558
11. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Malfūẓāt, Bd. 4, S. 580
12. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Majmūʿa ištihārāt, Bd. 2, S. 653-654
13. Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Malfūẓāt, Bd. 4, S. 533

1 Kommentar

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  • Mashallah ein sehr guter Artikel. Sehr informativ, wobei ich mir mehr Einzelheiten zur Schlacht gewünscht hätte (z.B. wie die 1 gegen 1 Kämpfe abliefen). Trotzdessen wird man nach dem Lesen dieses Artikels auf jeden Fall schlauer. Jzk

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